Mit Mut und offenem Herzen: Lutheraner in Polen

Protestanten in Polen

Foto: Wikimedia Commons

Die evangelisch-augsburgische St. Matthäikirche in Łódź.

Mit Mut und offenem Herzen: Lutheraner in Polen
In Polen gibt es rund 85.000 evangelische Christen, die meisten von ihnen sind Lutheraner. In der öffentlichen Wahrnehmung des weitgehend katholisch geprägten Landes wird die Minderheitskirche oft übersehen. Die polnischen Lutheraner versuchen, die weltweite Gemeinschaft der Christen nicht aus dem Blick zu verlieren.

"Es dürfte nicht übertrieben sein, wenn ich behaupte, dass ein Durchschnittspole über Luther soviel weiß wie ein Deutscher über Ron Hubbard, den Gründer von Scientology", schreibt der in Polen lebende deutsche Kabarettist Steffen Möller in seinem Bestseller Viva Polonia. Er sei auch schon gefragt worden, "ob Protestanten eigentlich nur an Luther oder auch an Jesus glauben".

Tatsächlich ist die Zahl der Menschen evangelischen Glaubens in Polen mit etwa 85.000 verschwindend gering angesichts 38 Millionen katholischer Mitbürger. Die Nichtkatholiken werden oft einfach vergessen, etwa wenn es in polnischen Medien heißt, die katholische Kirche habe das Osterfest begangen. Oder wenn der Bürgermeister zum Empfang lädt.

Ökumenischer Schulterschluss der Minderheitskirchen

"Wir versuchen ständig daran zu erinnern, dass Polen ein multikonfessionelles Land ist", sagt Ireneusz Lukas, lutherischer Pfarrer und Direktor des Polnischen Ökumenischen Rates mit Sitz in Warschau. Dieser Institution gehören neben Lutheranern, Reformierten, Methodisten und Baptisten auch zwei altkatholische Kirchen an – und die Polnisch-Orthodoxe Kirche, mit gut einer halben Million Mitgliedern die größte unter den Minderheitenkirchen Polens. Insgesamt repräsentiert der Polnische Ökumenische Rat jedoch nur 1,7 Prozent des 40-Millionen-Volkes. Die Römisch-Katholische Kirche gehört ihm nicht an.

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Umso enger kooperieren die übrigen Kirchen im Rat. So unterhalten sie eine gemeinsame Hochschule, die Christliche Theologische Akademie Warschau. Hier werden – staatlich anerkannt und kirchlich beaufsichtigt – die Theologen, Diakone und Religionslehrer der Minderheitenkirchen ausgebildet. Viele Kurse finden konfessionsübergreifend statt.

Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen

Die unter den Protestanten im Polnischen Ökumenischen Rat mit Abstand größte Denomination ist die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen (Kościół Ewangelicko-Augsburski w Polsce). Diese lutherische Kirche, die ihren Namen dem Augsburger Bekenntnis von 1530 entlehnt, zählt heute etwa 70.000 Mitglieder.

Die Reformation hatte schon wenige Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg die damals unter deutscher Herrschaft stehenden Länder Schlesien, Pommern und Preußen erreicht – und bald darauf auch das Königreich Polen. Die lutherische Lehre fiel auch deshalb auf fruchtbaren Boden, weil ihre Prediger sich der polnischen Sprache bedienten. Bis 1575 war ein tolerantes Nebeneinander der Römischen und der Augsburgischen Konfession erreicht.

In der doppelten Diaspora

Kurz darauf aber begann die Gegenreformation, die vom polnischen König gefördert und besonders vom Jesuitenorden betrieben wurde. Der größte Teil Polens wurde rekatholisiert. Dennoch gelang es dem polnischen Protestantismus zu überleben – wenn auch zusammengedrängt auf einige wenige Freistätten.

In den folgenden Jahrhunderten, die Polen Aufteilung und Fremdherrschaft brachten, war es nicht gerade opportun, evangelisch zu sein. Denn es war ein patriotisch gefärbter Katholizismus, der die Nation in dieser Zeit zusammenhielt – eine Nation, die die Gottesmutter Maria zu ihrer ewigen Königin erwählt hatte.

Im 19. Jahrhundert erhielt der Protestantismus im geteilten Polen Zuwachs durch deutsche Glaubensbrüder, die in neu entstehende Industriestädte wie Lodz strömten. Zunächst gab es eine respektvolle Koexistenz zwischen polnischsprachigen und deutschsprachigen Lutheranern in Polen. Unter den jungen Deutschsprachigen gab es viele, die sich mit der unterdrückten polnischen Nation identifizierten. Zum Beispiel Julius Bursche, der dann 1905 Generalsuperintendent Polens wurde: Selbst Sohn sächsischer Einwanderer, hatte er seinen Vornamen zu "Juliusz" polonisiert und war ein leidenschaftlicher Verfechter der polnischen Unabhängigkeit.

Juliusz Bursche: Bischof zwischen allen Stühlen

Als diese im Ersten Weltkrieg erreicht wurde, zerfiel das Miteinander in der Augsburgischen Kirche: Nicht wenige unter den deutschsprachigen Protestanten Polens gebärdeten sich umso deutschnationaler, je mehr das freie Polen Gestalt annahm. In den 1930er Jahren fanden sie bereitwillige Unterstützung durch Hitler-Deutschland.

Juliusz Bursche (um 1938) Foto: Wikimedia Commons

Dagegen arbeitete Juliusz Bursche, der 1937 zum ersten Bischof der Augsburgischen Kirche in Polen gewählt wurde, mit aller Kraft für die Integration seiner zweisprachigen Gemeinden in die polnische Gesellschaft. Ihm schwebte eine versöhnte übernationale Gemeinschaft der Heiligen vor. Doch damit saß er im Zeitalter des Nationalismus zwischen allen Stühlen.

Als Hitlers Truppen 1939 Polen überfielen, wurde der 77-jährige Bursche ins deutsche KZ Sachsenhausen verschleppt, wo er 1942 umkam. Trotz verzweifelter Bitten seiner Frau hatte sich keiner seiner deutschen Amtsbrüder für ihn eingesetzt. Andere polnisch orientierte Protestanten erlitten ein ähnliches Schicksal.x

Nach dem Ende des Weltkrieges und der Nazi-Verbrechen wurden die Grenzen Polens nach Westen verschoben und das Land bekam ein kommunistisches Regime. Die meisten deutschsprachigen Protestanten hatten das Land verlassen. Die Verbliebenen – teils deutscher, teils polnischer Herkunft – fühlten sich in den folgenden Jahrzehnten oft pauschal als Deutsche oder gar Nazis abgestempelt. Noch in den 1970er und 1980er Jahren sahen sich Tausende zur Auswanderung gezwungen. Die Evangelisch-Augsburgische Kirche schrumpfte massiv zusammen.

Ein Tabu wird gebrochen

Erst heute beginnt die polnische Gesellschaft, über diese bisher tabuisierten Vorgänge offen zu diskutieren. Etwa anlässlich des 2011 angelaufenen Kinofilms "Róża", der das Schicksal einer evangelischen Frau im masurisch-ostpreußischen Gebiet der Jahre 1945/46 thematisiert. Und auch im polnischen Protestantismus gibt es ein Umdenken, berichtet Pfarrer Ireneusz Lukas: "In letzter Zeit identifizieren sich immer mehr Leute in unserer Kirche mit deutschen Protestanten wie Dietrich Bonhoeffer, die auf heute polnischem Territorium wirkten."

Die Friedliche Revolution von 1989, die in Polen schon zehn Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte, brachte für alle Kirchen des Landes viele neue Möglichkeiten. Im Gefolge der einflussreichen Römisch-Katholischen Kirche erhielten auch die Polnisch-Orthodoxe und die Evangelisch-Augsburgische Kirche das Recht auf Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, auf eigene Bildungs- und Sozialeinrichtungen sowie auf Seelsorge beim Militär. Die polnischen Protestanten bauten unter anderem ein Diakonisches Werk auf, das mittlerweile durch eine ökumenische Weihnachtsaktion landesweit bekannt ist.

Das Verhältnis der Minderheitskirchen zum Staat hat sich seit 1989 deutlich verbessert. Ireneusz Lukas, der Direktor des Ökumenischen Rates, berichtet von guten und offenen Gesprächen zweimal pro Jahr. Thema seien unter anderem die Rückgabe kirchlicher Immobilien. Eine Kirchensteuer gibt es in Polen weiterhin nicht – auch nicht für die katholische Kirche. Die religiösen Körperschaften sind auf freiwillige Spenden der Mitglieder angewiesen.

Streitfall Mischehen

Auch das Verhältnis zur katholischen Kirche sei heute viel besser als vor zehn oder zwanzig Jahren – besonders im Alltag und im diakonischen Bereich, sagt Ireneusz Lukas. Eine große Herausforderung seien aber weiterhin die theologischen Unterschiede. Zum Beispiel beim Streitfall Mischehen: Bisher muss bei einer Eheschließung der nichtkatholische Partner erklären, dass die gemeinsamen Kinder katholisch erzogen werden. "Das ist natürlich ein Problem für uns", so der lutherische Theologe. "Wir meinen, die Eltern sollten selbst über die religiöse Erziehung ihrer Kinder entscheiden. Unser Ökumenischer Rat versucht schon lange, hier eine gemeinsame Erklärung mit der römisch-katholischen Kirche zu Stande zu bringen, aber das war bisher noch nicht erfolgreich."

Dass mit Jerzy Buzek 1997 zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ein Protestant polnischer Ministerpräsident wurde, sei ein wichtiger Meilenstein gewesen, so Lukas: "Das war ein ganz wichtiges Zeichen dafür, dass Polen ein offenes und demokratisches Land ist." Buzek, der von 2009 bis Anfang 2012 als Präsident des Europäischen Parlaments amtierte, hat nie verborgen, dass ihn der Protestantismus sehr geprägt hat.

Er stammt aus dem Landkreis Teschen (Cieszyn) in Oberschlesien, an der heutigen Grenze zu Tschechien, der seit Jahrhunderten die einzige Region Polens ist, wo Protestanten einen großen Teil der Bevölkerung stellen. Aus dieser Region stammen auch zwei andere prominente Lutheraner Polens: der preisgekrönte Schriftsteller Jerzy Pilch und der ehemalige Skispringer Adam Małysz.

Frauen als Pfarrerinnen bisher abgelehnt

In zwei Punkten dürfte die Evangelisch-Augsburgische Kirche Polens dem Katholizismus fast näher stehen als ihren deutschen Partner-Landeskirchen in Deutschland: Zum einen legt sie Wert auf eine sehr traditionelle Liturgie, zum anderen kennt sie bis dato noch keine Frauenordination. Zwar studieren auch Frauen in Warschau evangelische Theologie. Sie dürfen jedoch nur Diakoninnen werden und weder die Gemeinde selbst leiten noch das Abendmahl austeilen. Seit 1989 hat es zwei Versuche gegeben, die Frauenordination einzuführen. Doch diese wurden zurückgewiesen – wenn auch mit zunehmend knapper Mehrheit. Eine kleine Frauenbewegung will nun die Diskussion bis in die Ortsgemeinden hinein ausweiten.

Ireneusz Lukas, der mit seinen 40 Jahren etwa den Altersdurchschnitt polnisch-lutherischer Pfarrer repräsentiert, wünscht den evangelischen Kirchen Polens, dass sie sich noch bewusster in der Ökumene engagieren – auch international. Ihm ist es wichtig, gerade in einer Diaspora-Situation die weltweite Gemeinschaft der Christen nicht aus dem Blick zu verlieren und daraus Kraft zu ziehen: "Wir sollten nicht mit einem Minderheitskomplex, sondern mit Mut und offenem Herzen unsere Identität leben."