Die Passion des Singens

Ingrid Smolarz

Chor der Unermüdlichen vor der Ev. Erlöserkirche in Bochum-Hiltrop.

Die Passion des Singens
"Verbindung durch Gesang" lautete das Motto für den "!SING - Day of Song" 2012, der Menschen, Orte, Kulturen und Generationen miteinander verbinden soll. Gesang als universelle Sprache zwischen Jung und Alt, zwischen kirchlich und weltlich und Brücke zwischen den vielen Kulturen und Mentalitäten im Ruhrgebiet. Gemeinsames Singen entfaltet die ganze Bandbreite des bewussten Lebens.

Samstag, 2. Juni, 15.15 Uhr, auf dem Platz vor der Evangelischen Erlöserkirche in Bochum-Hiltrop. Der gemischte Chor der Rad- und Wanderabteilung des DJK Hiltrop-Bergen singt unverdrossen weiter. Dabei ist "!Sing special" mit dem Focus auf Wander- und Volkslieder, eine von mehreren Hundert Veranstaltungen des "Day of Song" 2012 in den 53 Städten des Ruhrgebiets, eigentlich schon vorbei.

Ein Teil des Publikums ist zum benachbarten Wirtshaus Hubbert abgewandert. Dort genießt man den unvermeidlichen "Scheidebecher". Ein anderer hat sich zum Klinikum Bergmannsheil aufgemacht, um Traditionsensembles wie den Schlägel und Eisenchor und den MGV Bundesbahnchor Langendreer zu erleben. "Gemeinsames Singen", begründet Manfred Scheel, einer der Unermüdlichen, das freiwillige Nachsingen, "ist für mich das schönste Gefühl, das ich kenne."

Essen-Werden, eine gute Stunde später. In der Basilika St. Ludgerus lauschen die Besucher dem Programm "Rex caeli Domine". Das  Ensemble Vox Werdensis, Choralschola der Folkwang Universität der Künste, intoniert die mittelalterliche Musik des Klosters Werden mit Inbrunst. Für den 22-jährigen Gabriel Craxton, Stimmlage Bariton, ist es eine willkommene Gelegenheit mehr, eine an Sakralmusik interessierte Öffentlichkeit zu erreichen. Fast schon euphorisch geht der Leiter des Ensembles, der Musikwissenschaftler Stefan Klöckner, auf's Ganze: "Ich sehe im Day of Song eine einzigartige Musikalisierungsbewegung." Ginge es nach dem Gregorianik-Experten, sollte sie "einfach jedes Jahr stattfinden".

"Ihr wart wunderbar"

Duisburg, 18 Uhr, das Theater der Stadt. Gleich drei Vokalensembles stehen auf der Bühne und für die Wucht, die vom gemeinschaftlichen Singen  ausgehen kann. Der Projektchor des Bistums Essen, die Chorgemeinschaft Cantemus Duisburg-Rahm und der Gerhard Mercator-Projektchor der Universität Duisburg-Essen präsentieren mit den Duisburger Philharmonikern und Solisten der Deutschen Oper am Rhein die Musikfavoriten der Menschen, die sich an der vom Lokalradio organisierten Aktion "Duisburg wünscht sich was" beteiligt haben.

Als das Pop-Potpourri von "Hey Jude" über "What a wonderful world" bis zum "Gefangenenchor" aus Verdis "Nabucco" verklungen ist, hat sich das Haus in einen Spontanchor verwandelt. "Ihr wart wunderbar", ruft Stefan Glaser, der Dirigent dieses Abends, dem Publikum zu, das ganz nebenbei auch ein starkes Signal für den Erhalt der Oper in der Stadt artikuliert hat.

Weniger spektakulär, aber nicht weniger anziehend

Eines steht schon fest, bevor überhaupt alle Rückmeldungen aus den Revierstädten bei den veranstaltenden Ruhrtouristikern eingegangen und ausgewertet sind: Dieser "Day of Song", kombiniert mit dem Gospelkirchentag, dürfte insgesamt mehr als eine Viertelmillion Menschen mobilisiert haben, davon 50.000 aktiv Singende in über 800 Chören, ist mehr als ein bloßer Nachhall der Premierenausgabe vor zwei Jahren. Damals steigerte sich die "Metropole Ruhr", für ein Jahr aufgestiegen zur Kulturhauptstadt Europas, in eine beispiellose Gemeinschaftsanstrengung.

Die aktiven und aktivierbaren Menschen zwischen Kamen und Kamp-Lintfort artikulierten ein unüberhörbares Identität stiftendes Zeugnis ihres Potentials und ihres Willens zum "Wir". Diesmal war die kollektive Bühne vielleicht weniger spektakulär, nicht zuletzt wegen der aus Etatmangel gestrichenen zentralen Abschlussveranstaltung, aber keineswegs weniger anziehend. Die Passion des Singens in Gemeinschaft entfaltete ihre soziale Dimension - Vehemenz wie Innerlichkeit - wohl noch vielgestaltiger und berührender.

Anstiftung zu Glücksgefühlen

Gemeinsames Singen, lautet das Credo der !Sing-Macher, verursacht Glücksgefühle. An diesem musikseligen ersten Juni-Wochenende war die Anstiftung zu Glücksgefühlen allenthalben spürbar. Beispiele aus Essen, die für viele andere stehen: Ein Kinderchor sang in einer betreuten Alteneinrichtungen und brachte Demenzkranke zum Mitsingen. Traditionellen und aktuellen Arbeiterliedern verschaffte der Ruhrchor vor einem Kino ein Comeback. Auf der Kinderstation eines Krankenhauses brachten es "Singzwerge" zustande, ihre leidenden Altersgenossen ein Stück weit ihrem Schmerz zu entreißen. Vermutlich hätten sich die "Singzwerge" auch noch mit dem Gefangenenchor der Justizvollzugsanstalt in der Nachbarstadt Gelsenkirchen zu einem Gemischten Chor neuer Art zusammengetan. Doch der Gefangenenchor bekam, wie offiziell verlautete, diesmal  keinen Freigang

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A propos Jugend und die allzu begründete Sorge vieler Chöre um den Nachwuchs: 2012 hat Benedikte Baumann, die Projektleiterin, mit ihrem Team ein essentielles Augenmerk des Konzepts auf Zukunft ausgerichtet. Um "schon bei Kindern das Selbstverständnis des gemeinsamen Singens zu stärken", verwandelten sich evangelische Kitas, katholische Kindergärten oder privat getragene Betreuungsinitiativen in "Vokalhorte" auf Zeit. Ein Dutzend Lieder, gesammelt in einem "!Sing-Buch kinder", bildeten die auch hier Gemeinschaftserlebnisse schaffende Ausgangsbasis.

Chöre stärken alle

Wenn der "Day of Song" in den kommenden Jahren seine Fortsetzung oder gar Institutionalisierung erleben sollte, dann nicht zuletzt wegen dieser Ziele. "Kinder, die viel singen", hat der Hochschullehrer und Chorleiter Michael Schmoll herausgefunden, "sind in ihrem Sozialverhalten, in ihrer Sprach- und Leistungsfähigkeit und kurioserweise auch in den Naturwissenschaften stärker."

Chöre haben ihren Wert, wenn sie Bodenhaftung aufweisen, Zusammenhalt im Nahbereich fördern, Brücken über bislang Getrenntes schlagen. So gesehen, hat die Passion des Singens unbestritten ihre Zukunft, im Ruhrgebiet vielleicht sogar noch vor sich.