Theologe Körtner: Kirchen müssen Raum für politischen Dialog schaffen

Theologe Körtner: Kirchen müssen Raum für politischen Dialog schaffen
Der Wiener Sozialethiker Ulrich Körtner sieht die Kirchen in einer Mittlerrolle in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft. Sie hätten jedoch nicht die Aufgabe, in politischen Fragen als Schiedsrichter aufzutreten.
08.11.2026
epd
epd-Gespräch: Stephan Cezanne (epd)

Wien (epd). Der Wiener evangelische Theologe Ulrich Körtner hat die Kirchen dazu ermutigt, den politischen Austausch über gesellschaftliche Gräben hinweg zu ermöglichen. „Es müssten Dialogräume geschaffen werden“, sagte der deutsch-österreichische Sozialethiker dem Evangelischen Pressedienst (epd). Auch bei scharfen Gegensätzen brauche es Möglichkeiten für kontroverse Debatten und - im besten Fall - für Verständigung. Der 1957 in Hameln geborene Körtner lehrte mehr als 30 Jahre als Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Feld des Politischen

„Es steht für mich außer Zweifel, dass das Evangelium eine politische Dimension hat“, fügte Körtner hinzu: „Die Kirchen haben auch die Aufgabe, sich im Feld des Politischen zu äußern.“ Sie hätten ihre Aufgabe aber darin, etwas sehr Grundsätzliches zu sagen und nicht, „sich in Parteipolitik hineinzubegeben“. Es gelte zu prüfen, welche Tendenzen in den politischen Parteien mit dem biblisch bezeugten Evangelium und dem christlichen Glauben grundsätzlich unvereinbar sind - „und wo es vielmehr um Ermessensspielräume geht, die auch innerhalb der Kirche ihren Platz haben müssen.“

Populismuskritik

Er glaube, dass die Kirchen in ihrer Kritik am Rechtspopulismus in den zurückliegenden Jahren zu holzschnittartig vorgegangen sind, so Körtner: „Es gibt so etwas wie eine unterkomplexe Populismuskritik“. Einfach immer nur zu sagen, „wir sind gegen rechts oder wir verteidigen die Demokratie“, werde den Problemlagen nicht gerecht, auf die zum Beispiel eine Partei wie die AfD reagiert.

Körtner: „Um nicht missverstanden zu werden: Wenn die AfD in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, ist das eine ernst zu nehmende Gefahr.“ Fragwürdig sei aber, wenn der Eindruck entstehe, die Probleme, „die Menschen zur Wahl der AfD bewegen, würden lediglich von der Partei verzerrt dargestellt“. Die Kirchen seien zu einseitig, wenn sie vor der AfD als der großen Gefahr für die Bundesrepublik und ihre Verfassung warnen, die Linke aber weiterhin im liberal-demokratischen Spektrum verorten. „Uns droht aber weder die Diktatur des Proletariats noch ein Führerstaat.“

Heimat für Konservative

Grundsätzlich, so Körtner, müsse man die Frage stellen: „Wie weit haben Menschen, die sich konservativ verstehen, in der Kirche und in den Gemeinden noch wirklich eine Heimat? Oder: Wie weit fühlen sie sich immer weiter an den Rand gedrängt?“ In einer Demokratie gebe es „ein linkes Spektrum und es gibt ein rechtes Spektrum. Das müssen wir einfach akzeptieren, ob es uns passt oder nicht“, sagte der Theologe.