Medico International: Gesundheitswesen muss sich grundlegend ändern

Medico International: Gesundheitswesen muss sich grundlegend ändern
Vielen Ländern des globalen Südens fehlt es an Medikamenten und dem Zugang zu medizinischer Forschung. Medico international fordert, Patente freizugeben und mehr Geld in gemeinwohlorientierte Medikamentenforschung zu investieren.
30.10.2026
epd
epd-Gespräch: Melina Crispin

Frankfurt a.M. (epd). Die Hilfsorganisation medico international hat grundlegende Reformen in der Gesundheitsversorgung angemahnt. „Gesundheit ist ein Menschenrecht, das wir nicht dem Markt und der Profitmaximierung überlassen dürfen“, sagte Frauke Heller, Gesundheitsexpertin bei medico international dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Profitorientierung führe dazu, dass es in vielen Ländern des globalen Südens weniger Zugang zu Forschung und Medikamenten gebe.

Die Vergesellschaftung von Pharmaunternehmen ist der Expertin zufolge eine Möglichkeit, das Gesundheitswesen demokratischer zu gestalten. Momentan orientierten sich die Unternehmen an Gewinnen und nicht daran, was Menschen wirklich bräuchten. „Teilweise werden Medikamente hergestellt, die gar nicht so sehr benötigt werden.“ Andere Arzneistoffe, bei denen der Bedarf hoch sei, würden nicht produziert, weil sie nicht gewinnbringend genug sind. In Ländern des globalen Südens gebe es Erkrankungen, die in Europa oder den USA nicht relevant sind. „Die Forschung zu manchen tropischen Krankheiten rentiert sich für große Pharmaunternehmen schlicht nicht“, sagte Heller.

Patente freigeben

Viele Medikamente gebe es zudem in ärmeren Ländern nicht, weil es sich unter anderem für die Firmen nicht lohne, sie dort zu verkaufen. Doch selbst produzieren könnten die Länder die Arzneimittel auch nicht. Dabei spielen die geistigen Eigentumsrechte und Patente laut Heller eine große Rolle. „Theoretisch sind Material- und Produktionskosten für viele Arzneimittel nicht teuer und die Medikamente könnten einfach hergestellt werden.“ Unternehmen hätten nach einer Erfindung aber in der Regel zehn bis 20 Jahre ein exklusives Vermarktungsrecht. In dieser Zeit könne kein Konkurrent denselben Arzneistoff für die Herstellung eines Arzneimittels verwenden. Die Hilfsorganisation medico international, die der „Public Pharma Coalition“ für eine gerechtere Gesundheitsversorgung angehört, fordere daher, Patente freizugeben und Wissen zu teilen. „Länder wie Deutschland oder die USA stehen hier in der Verantwortung.“

Der Gesundheitssektor müsse auch hinterfragen, was als Medizin und Gesundheit verstanden wird. „Die Wissenschaft im globalen Norden hat eine bestimmte Vorstellung davon, was Wissen oder Gesundheit ist. Indigenes Wissen oder Heilverfahren werden oft nicht als solches anerkannt, obwohl sie seit Jahrtausenden genutzt werden“, sagte Heller. Indigene Heilkunde sei weitgehend in der Kolonialzeit zerstört worden. Bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gebe es bereits Bestrebungen, traditionelle Medizin und Heilverfahren vermehrt anzuerkennen und zu schützen.