Salvador da Bahia (epd). In Brasilien ist bei der Stichwahl am Sonntag ein enges Rennen um die Präsidentschaft zu erwarten. Eine Umfrage von Donnerstag sieht Amtsinhaber Luíz Inácio Lula da Silva und seinen Kontrahenten Flávio Bolsonaro gleichauf mit jeweils 50 Prozent der Stimmen. Im ersten Wahlgang am 4. Oktober erhielt der Rechtspopulist Bolsonaro 47 Prozent der Stimmen, zwei Prozent mehr als der linksgerichtete Lula.
Seitdem liefern sich die beiden Männer einen erbitterten Schlagabtausch, auch in sozialen Netzwerken. Die bislang dort eher schwach aufgestellte Linke mit dem 80-jährigen Lula holte unter der Anleitung des Abgeordneten André Janones, der über einen WhatsApp-Kanal mehr als acht Millionen Menschen zur Mitarbeit animierte, rasch auf. Zugleich löste der Auftritt Bolsonaros bei der ersten TV-Debatte am vergangenen Sonntag heftige Kritik aus, da der 45-Jährige die Fragen seines Gegners unbeantwortet ließ und stattdessen auf Provokationen, Beleidigungen und Falschmeldungen setzte.
Rechtsruck im Kongress
Lula verspricht, weiter soziale Ungleichheit und Armut zu bekämpfen sowie in Gesundheit und in Bildung zu investieren. Außerdem will er im Fall eines Wahlsieges die Souveränität Brasiliens vor allem gegenüber den USA verteidigen. Kurz vor der Stichwahl verabschiedete der Kongress die Abschaffung der Sechs-Tage-Woche und bestätigte das Verbot von Online-Wettplattformen - zwei Erfolge für den Präsidenten.
Der älteste Sohn des wegen eines Putschversuchs zu 27 Jahren Haft verurteilten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro punktet derweil mit seinen Versprechungen, hart gegen organisierte Kriminalität vorzugehen, die Strafmündigkeit herab- und das Strafmaß in vielen Fällen heraufzusetzen. Kritisiert wird er wegen seiner Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen in Rio de Janeiro. Er wird im Fall eines Sieges die ultrarechte Linie seines Vaters (2018-2022) fortsetzen.
Da der Kongress bei der Wahl am 4. Oktober einen Rechtsruck erfahren hat, trennen Flávio Bolsonaro und seine Partei nur wenige Stimmen von eventuellen Verfassungsänderungen. Aus Sorge um die Demokratie gingen zuletzt Hunderttausende Menschen auf die Straße.




