Frankfurt a.M. (epd). Die Debatte über mögliche Gewalt bei den Protesten der Gruppe „GenZ regelt“ verstellt nach Ansicht des Soziologen Nils C. Kumkar und des Jugendforschers Klaus Hurrelmann den Blick auf die Anliegen der jungen Generation. Obwohl bislang keine Anhaltspunkte für gewalttätige Proteste bekannt seien, werde vor allem über mögliche Ausschreitungen gesprochen, sagte Kumkar dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Leute mit Problemen werden selbst zum Problem“, kritisierte der Wissenschaftler von der Universität Bremen. Darin zeige sich eine zunehmend autoritäre Bearbeitung politischer Konflikte.
Der Jugend- und Bildungsforscher Hurrelmann sieht unter jungen Menschen eine große Unzufriedenheit und Verunsicherung. Die Probleme, die die protestierenden jungen Franzosen umtreiben, seien auch in Deutschland gegeben. Hinzu komme „das Gefühl, dass die Politik alle möglichen Themen behandelt, aber nicht die, die für die junge Generation von Bedeutung sind“, sagte der 82-Jährige dem epd. Viele junge Menschen hätten den Eindruck, als demografische Minderheit nur wenig Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben.
Proteste am 31. Oktober
Am 31. Oktober will die Initiative „GenZ regelt“ nach französischem Vorbild in Deutschland protestieren. In Frankreich waren die Proteste teils gewalttätig eskaliert. In Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main und München organisiert die Initiative nach eigenen Angaben die Abläufe der Demonstrationen. In anderen Städten hätten sich Unterstützer angeschlossen und organisierten die Proteste selbst. Die Initiative fordert unter anderem, dass etwas gegen „kaputte Schulen“, steigende Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeiten unternommen wird. Gewalt und Sachbeschädigungen lehnt sie nach eigenen Angaben ab.
Der Soziologe Kumkar sagte, trotzdem werde nicht über die Inhalte, sondern nur über mögliche Ausschreitungen debattiert. Ein ähnliches Muster habe es in der Vergangenheit schon bei den Protesten der „Letzten Generation“ gegeben. Statt über Klimaschutz zu sprechen, habe man nur die Protestform kritisiert.
Solche Debatten können eine Gefahr für das demokratische System sein, warnte der Wissenschaftler. Wenn es nur noch um die Protestform gehe, gerieten Lösungsansätze in den Hintergrund. Geboten wäre es jetzt, über die mangelnde Qualität des deutschen Bildungssystems zu diskutieren, sagte Kumkar.
Hurrelmann: Regierungsparteien werden abgelehnt
Der Jugendforscher Hurrelmann sagte, bedeutend für junge Menschen sei „das Aufwachsen in Krisen mit unberechenbaren und unsicheren Perspektiven“. Zur Klimakrise seien der Ukraine- und der Gaza-Krieg sowie Wirtschaftskrisen hinzugekommen. Bei der Jugend herrsche das Gefühl vor, dass die regierenden Parteien keine Antworten auf diese Themen finden, weshalb sie vermehrt die rechte AfD sowie die Linkspartei wählten.
Hurrelmann geht aber davon aus, dass die für den 31. Oktober in mehr als 20 deutschen Städten angekündigten Proteste friedlich bleiben. Es gebe aber die Gefahr, dass sich Gruppen anschlössen, die „nur Interesse an Irritationen und Gewalt haben“.




