Gütersloh (epd). Die fehlende Vereinbarkeit von Angehörigen-Pflege und Beruf führt laut einer Prognose der Bertelsmann Stiftung zu einem erheblichen Verlust von sogenanntem Erwerbsvolumen. Der Trend, dass Fachkräfte mit Berufserfahrung dem Arbeitsmarkt entzogen und persönliche berufliche Perspektiven nicht weiter verfolgt werden können, dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen, erklärte die Stiftung am Dienstag in Gütersloh.
Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland seien pflegebedürftig, drei Viertel von ihnen würden von Angehörigen zu Hause betreut, erläuterte die Stiftung. Das bedeute mit Blick auf das Jahr 2023, dass 4,6 Millionen Menschen und damit 8,7 Prozent der Menschen im Erwerbsalter Pflege von Angehörigen leisten. Der demografische Wandel verschärfe diesen Vereinbarkeitskonflikt. In knapp 20 Jahren dürften demnach 13,3 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter Angehörige pflegen.
Pflegebedingter Erwerbsverlust steigt auf bis zu 229.000 Vollzeitstellen
Für das Jahr 2026 beziffert die Berechnung von Bertelsmann und Prognos AG die mit der Angehörigenpflege verbundenen Einschränkungen der Erwerbstätigkeit auf rechnerisch 184.000 Vollzeitstellen. Bis 2045 könnte dieser Wert auf 229.000 steigen. Frauen stellten derzeit mit zwei Dritteln den größten Anteil der Pflegenden dar, hieß es. Im Jahr 2045 könnten rund 580.000 Frauen deswegen weniger oder gar nicht erwerbstätig sein. Der wachsende Pflegebedarf dürfe nicht mit Rückschritten bei der Gleichstellung einhergehen, mahnte Alexandra Hermann, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung.
Politik und Unternehmen sollten die informelle Pflege stärker in den Blick nehmen, forderten die Arbeitsmarktexperten. Neben dem im Koalitionsvertrag angekündigten Familienpflegegeld sollte der Zugang zu Tages- und Kurzzeitpflege erleichtert werden.
Grundlage für die Analyse sind nach Angaben der Stiftung eine quantitative Datenauswertung des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) und des Statistischen Bundesamts sowie eine qualitative Auswertung empirischer Literatur.




