Berlin (epd). Fachberatungsstellen haben im vergangenen Jahr mehr Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung erfasst. Insgesamt registrierten die 22 Fachberatungsstellen 999 Fälle, heißt es in dem am Mittwoch in Berlin veröffentlichten Datenbericht 2026 zu Menschenhandel und Ausbeutung in Deutschland des Bundesweiten Koordinierungskreises gegen Menschenhandel (KOK). 253 Fälle davon seien im vergangenen Jahr neu hinzugekommen, 129 seien geschlossen worden, hieß es.
Der Bericht erfasst den Angaben zufolge auch Betroffene, bei denen kein Ermittlungsverfahren eröffnet wird und die daher nicht in amtlichen Statistiken auftauchen. Erstmals habe der KOK Kenntnis von Fällen erzwungener Organentnahmen erhalten, hieß es. Im vergangenen Jahr seien drei Fälle von Organhandel bekannt worden. Einzelheiten zu diesen Fällen konnte der KOK jedoch nicht angeben, da es hohe Anforderungen an den Schutz der Betroffenen gebe.
Problemfelder: Prostitution, Bau, Pflege, Betteln...
Prostitution bleibt die häufigste Ausbeutungsform im Menschenhandel. Sexuelle Dienstleistungen mit oder ohne Anmeldung nach Prostitutionsschutzgesetz machten 2025 fast 58 Prozent aller erfassten Fälle von Menschenhandel aus. Außer zur Prostitution würden Menschen in Deutschland auch häufig zur Arbeit gezwungen, etwa in der fleischverarbeitenden Industrie, auf dem Bau, in der Landwirtschaft, in Haushalten und in der Pflege.
Daneben seien auch Zwang zu Bettelei und zu kriminellen Handlungen wie Wohnungseinbrüche gemeldet worden, hieß es weiter. Am häufigsten waren demnach Personen aus westafrikanischen Ländern sowie aus Deutschland von Menschenhandel betroffen. Die afrikanischen Herkunftsländer waren vor allem Nigeria, Guinea, Sierra Leone und Gambia.
Das sei ein Unterschied zum Lagebild Menschenhandel und Ausbeutung des Bundeskriminalamts, in dem neben Betroffenen aus Deutschland solche aus Kolumbien, China und osteuropäischen Ländern im Vordergrund stünden, hieß es weiter. Mögliche Gründe dafür seien, dass Menschen aus Afrika staatlichen Stellen weniger vertrauten und sich daher eher bei Beratungsstellen meldeten als bei Behörden.
Falsche Versprechungen als Lockmittel
80,4 Prozent der erfassten Opfer waren Frauen. In mehr als der Hälfte der Fälle (53 Prozent) hätten die Täter Betroffene, meist unter falschen Versprechungen, in ihren Heimatländern angeworben. „Kennzeichnend sind immer Elemente des Zwangs, der Täuschung oder der Drohung mit dem Ziel, eine oder mehrere Personen wirtschaftlich und/oder sexuell auszubeuten“, erklärte der Koordinierungskreis.
KOK-Vorstandsmitglied Margarete Muresan verwies auf die häufig prekäre Situation von Betroffenen, die sich aus der Ausbeutung befreiten. Oft sprächen sie kein Deutsch, hätten kein Aufenthaltsrecht und keine Sozialversicherung. Sie hätten oft Schulden und ihre allernotwendigsten Bedarfe wie Nahrung, Kleidung oder Obdach seien nicht gedeckt.
Der KOK forderte die Einrichtung spezialisierter Staatsanwaltschaften und Polizeidienststellen. „Es ist in der Gesellschaft noch nicht angekommen, dass Menschenhandel hier bei uns vor der Haustür stattfindet“, kritisierte Muresan.




