Philosoph: Hannah Arendt macht Mut, selbst zu denken

Hannah Arendts Grab
Wikimedia/ Jjazz76
Das Grab von Hannah Arendt am Bard College. Ihr Geburtstag jährt sich am Mittwoch (14. Oktober) zum 120. Mal.
Streit ist notwendig
Philosoph: Hannah Arendt macht Mut, selbst zu denken
Der Oldenburger Philosoph Matthias Bormuth sieht Hannah Arendts Aktualität vor allem darin, dem Einzelnen Mut zum eigenen Denken zu machen. Wohlige Meinungsblasen im Netz seien das Gegenteil dessen, was die Denkerin wollte.

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) gilt als größte politische Denkerin des 20. Jahrhunderts, ihr Geburtstag jährt sich am Mittwoch (14. Oktober) zum 120. Mal. Für den Philosophen Matthias Bormuth (63), Leiter der Forschungsstelle Hannah-Arendt-Zentrum an der Universität Oldenburg, ist das Werk der in Hannover geborenen Denkerin in polarisierten Zeiten hochaktuell. Sie könne gerade jetzt Zuversicht geben, "davon bin ich fest überzeugt", sagt der Ideenhistoriker und Kulturwissenschaftler. Ein Gespräch über Freiheit, Fehlbarkeit und die Kunst des Zuhörens.

epd: Herr Bormuth, Hannah Arendts Werk füllt meterweise Bibliotheksregale. Welches Hauptthema treibt die Philosophin um?

Matthias Bormuth: Ich glaube, Arendts Kernanliegen ist die menschliche Freiheit und ihre Gefährdung in unserer Zeit. Vor allem durch totalitäre Systeme, aber auch durch die Technik, die sich totalitär auswirken kann. Mit der Freiheit verbunden ist die notwendige Einsamkeit, die Selbstbesinnung, die wir alle leisten müssen. Denn Freiheit allein, ohne Selbstdenken, ist auch nach Immanuel Kant, der für Hannah Arendt ein wichtiger Denker der Aufklärung war, eine leere Freiheit.

"Notwendige Einsamkeit"

Gibt Hannah Arendt uns Orientierung für die gegenwärtigen Krisen - Populismus, Extremismus, polarisierte Debatten, schwindendes Vertrauen in staatliche Institutionen, etablierte Parteien und traditionelle Medien?

Bormuth: Ihr Anspruch ist, dass wir Menschen werden, die auch für sich allein sein und stehen können. In einer Masse ist man nicht bei sich, sondern fügt sich gegebenen Meinungen an, trottet gedanklich mit. Es geht um diese notwendige Einsamkeit, um den Menschen, der zu sich kommen muss und auch Zeiten aushält, in denen er für sich denkt - über seine gesellschaftliche Bezogenheit hinaus. Das ist eine alte Wahrheit der Antike, die doch aktuell bleibt: für sich sein zu können und selbst zu denken.

Steht diese Einsamkeit nicht im Gegensatz zum Dialog mit anderen?

Bormuth: Nein. Hannah Arendt hat Anfang der 1950er Jahre eine Vorlesung über Sokrates gehalten, in der sie ihn als Beispiel nimmt für einen Menschen, der für sich allein denkt: Ich spreche mit mir, mit meiner inneren Gewissensinstanz, mit meinem inneren Gegenüber. Das muss geübt und gelernt sein. Sie spricht von "Zwei-in-Einem". Nach außen trete ich dann als ein Mensch in Erscheinung, mit einer Rolle, einer Funktion, die ich im Austausch und Handeln mit anderen einnehme. Das Spannende ist: Schon im Gespräch mit mir selbst scheint das Merkmal der Vielfältigkeit der Meinungen, der Pluralität auf. Und ich merke im Dialog mit mir, vielleicht auch beängstigend, dass ich nicht in allen Meinungen mit mir selbst übereinstimme, sondern sich widersprechende Tendenzen in mir trage.

Auf Versöhnung angewiesen

Wahre Menschlichkeit bewährt sich also darin, Widersprüche auszuhalten?

Bormuth: Nach außen und nach innen muss ich streitbar sein, auch die Kontroversen in mir selbst, die sich nicht lösen lassen, aushalten. Dazu kommt die Fehlbarkeit des Menschen, der seiner Verantwortung nicht immer gerecht werden kann.

Schon in ihren frühen Texten zur "Organisierten Schuld", zu den Verbrechen der Deutschen, die sich in die mörderische Maschine des Nationalsozialismus haben einflechten lassen, erblickt Arendt über die besondere Schuld hinaus die allgemeine Fehlbarkeit aller Menschen: Jeder Mensch kann schuldig werden, jeder Mensch ist fehlbar. Wie Kant und Schiller geht sie im mythischen Bild auf die Sündenfallgeschichte zurück, die sie säkular auslegt. Wir kommen nicht umhin, schuldig zu werden, und sind später auf Versöhnung angewiesen, wie sie in "Vita activa" schrieb.

Was heißt das praktisch für die Krise der liberalen Demokratie?

Bormuth: Wir müssen eine Kultur des Zuhörens entwickeln, Kompromisse aushandeln, nicht auf der Grundlage einer fertigen Meinung, die alle teilen müssten. Und wir sollten zugestehen, dass eine Mehrheit ihre Meinung durchsetzt, selbst wenn wir sie für falsch halten. Das ist keine perfekte politische Theorie, aber eine von Menschen gemachte Ordnung eines politischen Prozesses, der Schritt für Schritt weiterführen kann, natürlich mit Grenzen dort, wo die Ordnung selbst angegriffen wird, in der man sich demokratisch verständigen muss. Die Verführung einer scheinbar eindeutigen Wahrheit im Politischen, von der her man genau weiß, wo man ankommen will, hat Arendt immer von sich gewiesen.

Streit ist wichtig

Ist dieser Anspruch - Zuhören, Kompromiss, die eigene Meinung zurückstellen - nicht überfordernd? Viele Menschen wollen einfache Lösungen, keine differenzierten Debatten.

Bormuth: Hannah Arendt stellt enorme Ansprüche. In ihrer Hamburger Lessing-Rede von 1959 hat sie scharf zwischen Freundschaft und Gemeinschaft unterschieden. Gemeinschaft entsteht oft, wo zusammenstehen und -halten, weil wir alle dieselbe Meinung haben - eine typisch menschliche Form, die aber im politischen Leben an Grenzen stößt, wenn sie den Streit der Meinungen unmöglich macht. Freundschaft ist für Arendt der Ort, wo man miteinander streiten kann.

 

Die Internetblasen unserer Zeit, auch über Künstliche Intelligenz gesteuert, gaukeln uns das Wohlige einer Gesinnungsgemeinschaft vor: Wir sind bei dir, wir haben alle dieselbe Meinung. Das ist genau das, was Arendt nicht will.

Woher nimmt man die Kraft, das auszuhalten? Und warum ist der Streit so wichtig?

Bormuth: Diese Ambivalenzen auszuhalten ist äußerst anspruchsvoll. Es braucht eine Form des menschlichen Vertrauens: dass man dort, wo man anderer Meinung ist, dem anderen und sich selbst zutraut, nach bestem Wissen und Gewissen geurteilt zu haben. Der Meinungsstreit ist die Möglichkeit des Menschen, mit anderen etwas zu entwickeln und dadurch vielfältiger zu sehen. Dafür braucht es innere Stärke. Sonst ist man immer darauf angewiesen, sich einer Gruppe anzupassen.

Kann Hannah Arendt uns Zuversicht geben?

Bormuth: Davon bin ich fest überzeugt. Die von ihr angeregte Freiheit, für mich zu denken, ist ein ganz wichtiges Anliegen in einer aufgeklärten Gesellschaft mündiger Menschen. Wir müssen uns in öffentlichen Zusammenhängen im streitbaren Gespräch miteinander orientieren und Stellung beziehen. Und trotzdem können wir im Privaten für uns nachdenken, mit Autoren, Philosophen, Dichtern und Freunden im Gespräch sein und eine eigene innere Welt aufbauen, die uns hilft, in allen Widersprüchen zu stehen.

Worin sehen Sie zusammenfassend die größte Aktualität Hannah Arendts?

Bormuth: Darin, dem Einzelnen Mut zu machen, für sich zu denken und im Meinungsstreit zu stehen, wie sie immer wieder gezeigt hat. Und dann ist ihre Anregung wertvoll, das Gespräch mit anderen zu suchen, die vielleicht andere Meinungen haben, die aber ebenso ihre Freiheit schätzen und urteilen dürfen. Diese Offenheit verbindet sich mit Hannah Arendt wie mit kaum einer anderen Philosophin unserer Zeit.

 

Buchhinweise

Matthias Bormuth, "Von der Unheimlichkeit der Welt - Denken mit Hannah Arendt", Verlag Matthes & Seitz Berlin 2025, 174 Seiten, 20 Euro Winfried Kretschmann, "Der Sinn von Politik ist Freiheit", Patmos Verlagsgruppe Ostfildern 2025, 160 Seiten