Buchtipps über das Leben in schwierigen Zeiten

Illustrationsbild von Panzer inmitten von bunten Büchern
Getty Images/iStockphoto/porcorex
Kriege verändern das Leben jedes Einzelnen. Über ihre Erfahrungen zu lesen, kann die eigene Perspektive erweitern.
Blick in die Literatur
Buchtipps über das Leben in schwierigen Zeiten
Wer eine schwere Zeit erlebt, Gewalt, Krieg oder eine Lebenskrise braucht besonders viel Kraft. Diese aktuellen Romane des Ev. Literaturportal zeigen, wie Menschen mit ihren Erfahrungen umgehen, was Verdrängung bewirken kann und welche Spuren vergangene und gegenwärtige Krisen hinterlassen.

 Im ersten Licht

Der durch einen Axthieb kriegsuntaugliche Adrian wird Zeuge von Gewalt und Kriegsfolgen in Österreich. (1901-1988).

Der historische Roman besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil (1920ff) ist Adrian Auszubildender in einem Hotel bei Salzburg. Sein Vater hatte ihn als 13jährigen kriegsuntauglich verletzt, um ihn vor dem 1. Weltkrieg zu schützen. Adrian ist fasziniert von einer Villa am See mit dort untergebrachten Kriegsversehrten. Was richtet ein Krieg, eine Kriegsverletzung, Traumata an? Und er - der nicht eingezogen wurde? Adrian wird Lehrer und sieht sich im 2. Teil (1930/1940er Jahre) mit einem begabten Schüler und dessen Fragen konfrontiert. Welche Verantwortung trägt Adrian, der als Geschichtslehrer über Kriegsmaschinerie zu berichten weiß und auch den Nationalsozialismus mit Anschluss Österreichs mitträgt. Er weiß um sein Mitläufertum. Die zentralen Fragen stehen im Raum: Verantwortung und Schuld, Kriegsfolgen, Lernen aus Fehlern? Im letzten Teil versucht Adrian einen Neuanfang in England. Kann er eine Frau lieben lernen? Ein Epochenwerk und ein Antikriegsroman. Kunstvoll, stilistisch gelungen.

Der Roman, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war (Shortlist) fordert uns heraus. Teils anspruchsvoll und nicht immer angenehm zu lesen, ist er aktuell wie nie. Bettina Wolf 

Gstrein, Norbert: Im ersten Licht. Roman. Norbert Gstrein. München: Hanser 2026. 410 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-446-28297-1, geb.: 27,00 €

Die Schuldlosen

Neuanfang zwischen Trümmern.

Der Krieg in Jugoslawien ist beendet und Lenka kehrt mit ihren Kindern Iris und Relja in ihr ausgebombtes Heimatdorf zurück. Trotz der Zerstörung schaffen sie, ein Teil der Verwandtschaft und einige Nachbarn es, dem Trauma entgegenzutreten und in den Ruinen wieder neu anzufangen. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die beiden Geschwister und Nino, ein Junge aus der Nachbarschaft. Sie kennen sich noch von früher und wollen nun allem Schweren zum Trotz ihr Leben auskosten, ihre Sexualität entdecken und Abenteuer erleben. Tiefe Einblicke in das Gefühlsleben der jungen Menschen, die Geschichte einer kaputten Familie und die Tragik, dass Menschen, die von Ereignissen überrollt werden, die sie nicht zu verantworten haben, sich als Resultat davon aber selber schuldig machen, sind Themen in diesem intensiven Roman. In sehr eigener Sprache, mit vielen Redundanzen und noch mehr Nebensätzen geschrieben, entwickelt die Geschichte einen Sog und zeichnet ein faszinierendes Bild von resilienten Menschen, ihren Erinnerungen und Herausforderungen.

Lesenswerter Roman aus dem Kroatischen über Verwundungen, Überleben, Aufbegehren und Selbstbestimmung.  (Jugoslawien / Krieg / Schuld / Erinnerungen) Stefanie Drüsedau 

Haler, Ena Katarina: Die Schuldlosen. Ena Katarina Haler. Dt. von Klaus Detlef Olof. Wien: Folio 2026. 282 S. ; 22 cm. Aus d. Bosn. ISBN 978-3-85256-928-4, geb.: 25,00 €

Zeiten erhöhter Gefahr

Plötzlich leidet ein Mann unter verdrängten Belastungen aus der Kindheit.

Im letzten Kapitel von Franz Kafkas "Der Prozess" wird ein sich nicht wehrender Mann in einem öden Steinbruch über einen Stein gelehnt und getötet. Diese Szene ist der Ausgangspunkt für den fesselnden Roman, der auch danach noch mit Kafkas Meisterwerk spielt. Der Protagonist Johannes, genannt Jot, wohnt 2014 in einem Schweizer Dorf und ist Experte in einer Sicherheitsfirma. Er trifft bei seiner morgendlichen Laufrunde auf eine Leiche. Von da an gerät der wohlgeordnete, von zelebrierter Selbstkontrolle geprägte Alltag des Singles aus den Fugen. Ständig bekommt er bedrückende Erinnerungsblitze aus seiner Kindheit im Schwarzwald und seiner anschließenden, nur vermeintlich schönen Zeit im Internat. Immer intensiver muss er an den Schulpfarrer, der die Schüler zu übergriffigen Beichtgesprächen gezwungen hat, denken. Der Autorin ist ein inhaltlich immer dichter werdender und stilistisch überzeugender Text gelungen. Wer anfängt, ihn zu lesen, kann sich ihm kaum entziehen und leidet mit.

Ein lesenswertes Werk für alle, die bereit sind, sich auf dessen beklemmende psychopathologische Dimension einzulassen. Tobias Behnen 

Lucadou, Julia von: Zeiten erhöhter Gefahr. Roman. Julia von Lucadou. München: Hanser Berlin 2026. 222 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-446-28299-5, geb.: 23,00 €

Uppercut

Eine Jugend in der serbischen Hauptstadt Belgrad zu Beginn der 1990er-Jahre im diffusen Dunst der Jugoslawienkriege. 

Maja Iskra, 1982 in Jugoslawien geboren, blickt in ihrem Roman auf eine Kindheit und Jugend im Belgrader Stadtteil Dorćol zurück. Kälte und Brutalität prägen den rauen Alltag. Die Familie ist kein friedlicher Rückzugsort. Die junge Erzählerin lernt, zu kämpfen. Und sie liebt den Kampf. Sie stellt sich ihrer Wut und ihren Ängsten und verschafft sich Respekt auf der Straße. "Der Uppercut war mein spiritueller Schlag - ein Schlag, den ich eigentlich gegen mich selbst richtete." Im Freundeskreis wird sie zur ehrlichen und verlässlichen Stütze.
Inzwischen lebt sie in Wien, nimmt Kontakt zu früheren Freund:innen auf und besucht sie in Belgrad. Die verschiedenen Zeitebenen treten in einen spannenden Dialog. 

Die aufkommende Nähe zum sterbenden Vater beim letzten Besuch und der gleichzeitige Neubeginn einer Beziehung in Wien runden die Erinnerungen versöhnlich ab. Die Bezüge zu Musik, Literatur und Filmen in den Rückblenden und Episoden illustrieren das emotionale Innenleben zusätzlich.

Der Roman wirkt sehr authentisch und gibt einen turbulenten, auf die Jugend fokussierten Blick in eine zerrüttete Gesellschaft. Renate Schalück 

Iskra, Maja: Uppercut. Roman. Maja Iskra. Dt. von Mascha Dabić u. Maja Iskra . Wien: Zsolnay 2026. 155 S. ; 21 cm. Aus d. Serb. ISBN 978-3-552-07573-3, geb.: 23,00 €

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