Soziologe: Viele Menschen haben zu hohe Erwartungen an die Politik

Soziologe: Viele Menschen haben zu hohe Erwartungen an die Politik
Der Religions- und Kultursoziologe Detlef Pollack sieht neben einem "ostdeutschen Opferkult" auch die hohen Erwartungen an die Lösungsfähigkeit der Politik als Ursache für den AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt.

Frankfurt a.M. (epd). Überzogene Erwartungen an die Politik sind nach Ansicht des Religions- und Kultursoziologen Detlef Pollack ein Grund für den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt. Eine wichtige Erklärung für den Sieg der AfD bestehe in der Überforderung der Steuerungsfähigkeit der Politik, schreibt Pollack in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Mittwoch). Politiker aller Couleur erweckten jedoch den Eindruck, in der Lage zu sein, die anstehenden Probleme zu lösen. „Tatsächlich jedoch sind die finanziellen und ordnungspolitischen Handlungsspielräume der Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden inzwischen derart eingeschränkt, dass sie die Erwartungen gar nicht erfüllen können.“

Hinzu komme, dass die ostdeutschen AfD-Wähler und weite Teile der Wähler von BSW und Linken noch immer einen „ostdeutschen Opferkult“ pflegten und sich als „Ausgestoßenen der Nation“ benähmen, denen nun Gerechtigkeit widerfahren müsse. Noch immer erwarteten sie die Wohltaten von einem imaginierten Staat, den sie doch eigentlich verachteten, schreibt Pollack, der in Weimar geboren wurde.

Dämonisierung politischer Gegner hilft der AfD

Als falsche Strategie benennt Pollack jedoch auch die polarisierende Diskussionskultur und nimmt dabei alle Parteien in die Pflicht. „Die Dämonisierung des jeweiligen politischen Gegners hilft der AfD in ihrem herabsetzenden Diskurs.“ Er empfiehlt, sich von den Erfolgen der AfD unbeeindruckt zu zeigen und an den eigenen Positionen festzuhalten.

Der pauschale Faschismusvorwurf gegen die AfD laufe weitgehend ins Leere, schreibt Pollack. Denn die Verharmlosung des Nationalsozialismus sei unter den AfD-Wählern nicht stärker ausgeprägt als im Bevölkerungsdurchschnitt und falle niedrig aus. „Ebenso wäre es falsch, die AfD-Anhänger schlicht als Antidemokraten anzusprechen. Ihre politische Unzufriedenheit bezieht sich auf die Art und Weise, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert.“

Zwar stünden sie den politischen Institutionen überwiegend ablehnend gegenüber, aber der Demokratie als Regierungsform stimmten sie überwiegend zu. Im Osten bejahten 76 Prozent der AfD-Wähler die Demokratie, bei den Wählern der anderen Parteien seien es 86 Prozent. Dennoch sei die Partei eine anti-pluralistische und intolerante Partei.