Studie: Ausländische Fachkräfte für Ostdeutschland "unverzichtbar"

Studie: Ausländische Fachkräfte für Ostdeutschland "unverzichtbar"
Fast jeder vierte Lkw-Fahrer in Ostdeutschland hat keinen deutschen Pass. Auch in Kliniken sehe es ohne ausländische Ärzte "düster" aus, zeigt eine IW-Studie. Die Autoren fordern bessere Bedingungen für Zuwanderung und ein offenes politisches Klima.
04.09.2026
epd
Von Michael Bosse (epd)

Köln (epd). Wegen des demografischen Wandels gewinnt in Ostdeutschland die Zuwanderung zunehmend an Bedeutung, um Personallücken in der Wirtschaft und im Gesundheitsbereich zu schließen. Schon jetzt arbeiteten in den ostdeutschen Flächenländern knapp 160.000 ausländische Fachkräfte in sogenannten Engpassberufen, heißt es in einer am Freitag in Köln veröffentlichten Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Dabei handele es sich um Berufe wie Ärzte, Pflegepersonal, Lkw-Fahrer oder Köche.

Für den ostdeutschen Arbeitsmarkt seien ausländische Fachkräfte „unverzichtbar“, erklärte das IW. Seit 2019 hätten mehr deutsche Staatsbürger den Arbeitsmarkt verlassen als nachfolgen. Ohne ausländische Fachkräfte sehe die Beschäftigungslage in vielen Bereichen deshalb „düster“ aus.

Ohne Zuwanderung stocken Logistik, Medizin und Gastronomie

So könnte etwa die ostdeutsche Logistik ins Stocken geraten: Fast jeder vierte Lkw-Fahrer - mehr als 21.000 Menschen - hat den Angaben zufolge keinen deutschen Pass. Knapp 10.000 arbeiten in der Lagerwirtschaft, rund 6.700 in der Kfz-Technik. Auch die medizinische Versorgung wäre gefährdet. Über 5.000 Ärzte und rund 4.500 Pflegekräfte in Ostdeutschland haben laut dem IW keinen deutschen Pass.

In der Fleischverarbeitung ist laut der Studie jeder zweite Beschäftigte Ausländer, das sind rund 4.700 Menschen. Unter den Köchen ist es mit rund 6.700 Personen gut jeder Fünfte. Im Gastronomieservice arbeiten fast 6.500 Ausländer. Das ist etwa jeder Vierte. Der tatsächliche Beitrag von Fachkräften mit ausländischen Wurzeln dürfte laut den Studienautoren sogar noch größer sein, denn eingebürgerte Staatsangehörige tauchen in der Statistik nicht als Ausländer auf. So wurden allein im vergangenen Jahr bundesweit 332.500 Menschen eingebürgert.

Zuwanderung von EU-Bürgern geht zurück

Die Zuwanderung aus der EU hat laut dem IW den demografischen Wandel am deutschen Arbeitsmarkt lange gedämpft. Diese Quelle versiege aber mittlerweile, warnte das Institut. Seit 2024 haben demnach mehr EU-Bürger Deutschland verlassen als zuziehen. Durch den Renteneintritt der Babyboomer dürfte sich der Personalmangel weiter zuspitzen. „Wenn es in Ostdeutschland nicht gelingt, Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu gewinnen und zu halten, bleiben Waren liegen, Patienten unbehandelt und Restaurants geschlossen“, sagte IW-Experte Gero Kunath, Mitautor der Studie.

Staat und Gesellschaft müssten die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass ausländische Fachkräfte nach Ostdeutschland zum Arbeiten kommen und dort auch bleiben. Die Studienautoren verweisen dabei auf Spielräume insbesondere bei Bürokratieabbau, am Wohnungsmarkt sowie bei der Bekämpfung von Diskriminierung und einem offeneren politischem Klima.

Hinsichtlich Weltoffenheit und politischem Klima stünden insbesondere für Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit den anstehenden Landtagswahlen im September „zentrale Weichenstellungen“ an, heißt es in der Studie. Sie dürften über die künftige Zuwanderung und die Nutzung „entsprechender Potenziale“ für den Arbeitsmarkt in Ostdeutschland mitentscheiden.