Sprachexpertin: Können uns schlecht gebildete Menschen nicht leisten

Sprachexpertin: Können uns schlecht gebildete Menschen nicht leisten
Der Weltalphabetisierungstag erinnert an Probleme von Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Die Basis für diese Grundfertigkeiten wird in den Grundschulen gelegt. Die müssten besser werden, fordert Expertin Christina Noack.
31.08.2026
epd
epd-Gespräch: Martina Schwager

Osnabrück (epd). Die Grundschulen sollten sich nach Ansicht der Bildungsexpertin Christina Noack wieder mehr auf das Erlernen und Üben von Grundfertigkeiten wie Lesen und Schreiben konzentrieren. Viele Kinder läsen außerhalb der Schule kaum noch, sagte die Professorin für Didaktik der deutschen Sprache an der Universität Osnabrück in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Gerade schwache Leser bräuchten aber kontinuierliche Übung und Unterstützung. „Lesen sollte jeden Tag stattfinden, möglichst auch zu Hause, vor allem aber in der Schule.“

Noack plädierte zudem für mindestens ein verpflichtendes Kindergartenjahr. Noch besser seien sogar zwei Jahre. Das würde auch den Kindern zugutekommen, deren Muttersprache nicht Deutsch sei. Zudem sollte auch in Kitas schon der Umgang mit der Schriftsprache geübt werden, denn „Kinder wollen Lesen und Schreiben lernen.“

Große Lücke zwischen sehr guten und sehr schlechten Schülern

Studien zeigten nicht nur, dass Grundschulkinder zunehmend schlechter lesen und schreiben könnten. Zudem klaffe eine große Lücke zwischen sehr guten und sehr schlechten Schülerinnen und Schülern, konstatierte Noack. Digitale Medien wie iPads sollten deshalb in der Grundschule noch nicht eingesetzt werden. Zuerst müssten die Kinder die Grundfertigkeiten erlernen und beherrschen.

Dazu gehöre vor allem auch die kritische Lesefähigkeit, betonte die Mitautorin des gerade in dritter Auflage erschienen Buches „Wie Kinder lesen und schreiben lernen“. Gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz sollten Menschen in der Lage sein, zu reflektieren, sich eine eigene Meinung zu bilden und Quellen zu hinterfragen. „Diese Grundlagen müssen in der Grundschule gelegt werden.“

Schulen bräuchten mehr Personal und bessere Konzepte

Dafür bräuchten die Schulen mehr Personal und bessere Unterrichtskonzepte und die Lehrkräfte eine bessere Ausbildung in Deutsch und Mathematik, forderte Noack. Derzeit könnten etwa in Niedersachsen Absolventen, die Mathematik und Sport auf Grundschullehramt studiert haben, auch regulär Deutsch unterrichten.

Deutschland muss nach den Worten der Didaktikerin deutlich mehr in den essenziell wichtigen Bereich der Bildung investieren. „Wir können uns schlecht gebildete Menschen nicht leisten.“ Probleme wie Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und gesellschaftliche Konflikte würden sich sonst weiter verschärfen. „Wer nicht gut lesen und schreiben kann, kann sich schlechter informieren und ist möglicherweise anfälliger für wohlfeile Heilsversprechen.“