Hannover, Münster (epd). Der Islam-Wissenschaftler Mouhanad Khorchide fordert von Muslimen einen aktiven Einsatz für Juden und jüdisches Leben. Eine projüdische Haltung sei kein bloßes Zugeständnis von Toleranz, sondern gehöre fundamental zum muslimischen Glauben, sagte Khorchide im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er betonte, die Wurzeln des Islam lägen im Judentum. Im vergangenen Jahr hat er dazu mit Blick auf islamisch motivierten Judenhass das Buch „Ohne Judentum kein Islam“ veröffentlicht.
Wer den Koran in der historischen Entstehungsfolge lese, erkenne, dass sich der Prophet Mohammed zu Beginn vor allem auf Moses berufen habe und damit auf jüdische Traditionen, sagte der Religionswissenschaftler, der am 1. September beim evangelischen Hanns-Lilje-Forum in Hannover zu Gast ist. „Ein Muslim hat daher die Aufgabe, jüdisches Leben aktiv zu schützen und zu fördern.“ Khorchide ist Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster. In Hannover spricht er ab 18 Uhr in der Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde.
Gemeinsamkeiten in Bildung verankern
Dass das Bewusstsein um die Wurzeln der eigenen Religion in der islamischen Welt bislang wenig verbreitet sei, liege vor allem an politischen Erzählungen rund um den Nahost-Konflikt und an gezielter Propaganda von Islamisten in sozialen Medien, sagte er. Dabei stünden sich beide Religionen theologisch extrem nahe. Der Islam habe den jüdischen Monotheismus übernommen und weitervermittelt. 19 im Koran genannte Propheten fänden sich auch in der hebräischen Bibel wieder. Zudem basierten Speisevorschriften auf jüdischen Traditionen, und die ersten Muslime hätten jahrelang in Richtung Jerusalem gebetet.
„Solche Gemeinsamkeiten müssen wir im Bildungssystem, in der Jugendarbeit und in den Medien dauerhaft als Narrativ verankern“, forderte Khorchide. Islamistische Gruppen rissen kritische Textstellen aus der Frühzeit des Islam aus dem Kontext, um antijüdische Pauschalaussagen zu verbreiten, erläuterte er. Dem müsse durch fundierte religiöse Bildung in Moscheen, Schulen und Familien entgegengewirkt werden. Zudem brauche es konkrete Begegnungsräume wie gemeinsame Projekte jüdischer und muslimischer Jugendlicher sowie den Austausch von Imamen und Rabbinern.
Kritik aus Moschee-Gemeinden
Empirische Studien belegten derzeit leider, dass eine hohe Religiosität und häufige Moschee-Besuche mit einer höheren Anfälligkeit für Antisemitismus einhergingen, sagte der Wissenschaftler, der selbst palästinensische Wurzeln hat und in Saudi-Arabien aufwuchs. Der Grund liege darin, dass in der alltäglichen religiösen Praxis oft antijüdische Haltungen mit vermittelt würden. Während Multiplikatoren aus Schule, Seelsorge und Jugendarbeit positiv auf seine Arbeiten reagierten, schlage ihm aus konservativen Moschee-Gemeinden teils scharfe Kritik bis hin zu Verschwörungstheorien entgegen.



