Was du gegen Verschwörungstheorien tun kannst

Blick auf den Bildschirm mit einem Erinnerungsfilm von dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001
epd-bild/ddp images/Andreas Gora
Mehr als zwei Jahrzehnte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 halten sich Verschwörungstheorien, obwohl zentrale Behauptungen längst widerlegt sind.
10 praktische Tipps
Was du gegen Verschwörungstheorien tun kannst
Verschwörungsmythen gibt es überall und zu fast jedem Thema. Wie kannst du am besten darauf reagieren? indeon.de gibt dir 10 wertvolle Tipps!

Dein Vater wollte sich nicht gegen Corona impfen lassen, weil er sich nicht als "Versuchskaninchen" gelten möchte oder deine Oma behauptet: "Am 11. September 2001 ist gar kein Flugzeug ins World Trade Center geflogen!" 

Wenn du das liest, wie geht es dir damit? Wahrscheinlich bist du anderer Meinung und machst dir Sorgen, was mit deinen Verwandten los ist. Wie kommt es, dass eigentlich unschlagbare Beweise nicht gelten? Dass Freunde und Verwandte eine Verschwörung mutmaßen? 

Im Alltag steht das Wort "Theorie" oft für eine unbelegte Vermutung, während eine wissenschaftliche Theorie auf systematisch geprüften Erklärungsmodellen und Belegen beruht. Deshalb ist der Begriff "Verschwörungstheorie" umstritten, da er unbelegten Annahmen den Anschein einer wissenschaftlichen Theorie geben kann. 

1. Augen auf: So erkennst du Verschwörungstherorien

"Das ist eine Verschwörungsideologie" ist ein Totschlagargument, das eine Diskussion erst einmal unterbindet. Also Vorsicht damit! Hinter den Verschwörungen stehen meist ernsthafte Probleme. Verschwörungen beinhalten nämlich oft: 

  • ethische Bedenken, die einen wahren Kern haben könnten.
  • echte politische Bedrohungen
  • ehrliche Unsicherheit

So ist es etwa vollkommen nachvollziehbar, im Zuge der Digitalisierung darüber zu sprechen, dass Handys oder Social-Media-Plattformen persönliche und private Daten sammeln.

Sobald dann allerdings "dunkle Mächte" ins Spiel kommen, die nicht näher beschrieben werden können, kann eine Behauptung mit einem passenden Sündenbock schnell zur Verschwörungstheorie werden.

2. Tief durchatmen: Versuche respektvoll zu bleiben.

Auch, wenn es schwer fällt: Versuche, dich mit deiner:deinem Gesprächspartner:in auf Augenhöhe zu unterhalten. Sei respektvoll und freundlich im Umgang, aber verlange selbiges auch von deinem Gegenüber. Das ist die Basis einer ernsthaften Kommunikation!

Dein Gegenüber soll bemerken, dass du ihm oder ihr "nichts Böses" willst. Denn genau dieses Schwarz-Weiß-Malen von "Gut und Böse" versuchst du ja aufzubrechen. Das geht nur, wenn ihr euch gleichrangig begegnet.

3. Kritisch bleiben: Ohne Quelle glaubst du nichts

Das ist gar nicht so einfach: Viele Verschwörungstheoretiker:innen sehen sich selbst als besonders kritisch denkende Menschen. Sie denken, selbst den "wahren Durchblick" zu haben und vertrauen nicht auf die sogenannten "Mainstream-Medien". Aber du kannst den Spieß umdrehen!

"Verhafte" dein Gegenüber ein Stück weit, indem du Belege für die getroffenen Behauptungen forderst. Wenn du von diesen "Medien" noch nie gehört hast, dann ist das ein gutes Indiz für eine unseriöse Quelle. Deswegen solltest du deine eigene Medienkompetenz stärken, indem du in Erfahrung bringst, wie Fake-News zu erkennen sind.

Wenn du dein eigenes kritisches Denken verfeinert hast, wird es dir auch leichter fallen, Fake-News deines Gegenübers zu enttarnen.

4. Zusammenhänge checken: Warum glaubt dein Gegenüber an Verschwörungen

Eine Frage kann besonders spannend sein: Warum glaubt er oder sie eigentlich an die Verschwörung? Meist ist es weniger eine psychische Veranlagung. Meist geht es um bestimmte Gefühle oder um eine einschneidende biografische Lebenserfahrung.

Traue dich also, auch von dir etwas preiszugeben. Versuche so herauszufinden, warum dein Gegenüber so darauf beharrt, den Verschwörungsmythos aufrechtzuerhalten. Hat die Person zum Beispiel in der DDR negative Erfahrungen mit der Regierung gemacht und reagiert deshalb sensibler auf Regeln, die von der Regierung durchgesetzt werden? Vielleicht ist ein persönliches Gespräch die bessere Variante als eine harte Diskussion?

P. S. Ganz besonders, wenn ihr euch nur textet, entstehen oft Missverständnisse!

5. Mehr als nur Schwurbel: Die Sorgen hinter Verschwörungen ernst nehmen

Oft stehen hinter Verschwörungstheorien ernsthafte Sorgen. Vielleicht hat dein Gegenüber einfach Angst, bevormundet zu werden?

Besonders im Familienkreis ist es wichtig, Ängste und Sorgen anzusprechen.  Hier gilt es, ein Stück weit das eigene Empathievermögen einzubringen und auf die Person einzugehen.

Aber Achtung: Bleibt bei einem Thema und wechselt nicht von einer auf die nächste Verschwörungserzählung. Wenn dir also die Sorgen bezüglich einer konkreten Verschwörung klar werden, versuche, erst einmal dieses Thema zu behandeln. Vielleicht könnt ihr so gemeinsam etwas erreichen?

6. Keine Zeit verlieren: Je früher du handelst desto besser

Umso länger eine Person an eine Verschwörungserzählung glaubt, umso schwieriger ist es, sie doch noch vom Gegenteil zu überzeugen. Wenn sich eine "Theorie" erst mal festsetzt, ist es schwer, diese auch wieder abzulegen. Sobald du also was merkst, bitte nicht schweigen, sondern versuche sobald wie möglich, darüber zu sprechen.

Insbesondere festgefahrene Verschwörungswelten können einen nachhaltigen, negativen Einfluss auf die Gesellschaft und unsere Demokratie haben. Es ist dennoch wichtig, auch zu betonen, dass nicht alle Verschwörungstheoretiker:innen kriminell sein müssen. Trotzdem ist Vorsicht geboten.

7. Unbequeme Fragen: So entwaffnest du Verschwörungstheoretiker

Mit gezielten Fragen kannst du dein Gegenüber sehr in die Bredouille bringen. Insbesondere die W-Fragen:

  • Wer?
  • Wo?
  • Was genau?
  • Wie genau?
  • Weshalb ist das so? 

können dir dabei helfen, weg von der Ideologie in einen Bereich der Fakten zu kommen. Im besten Falle wird dein Gegenüber selbst bemerken, dass er oder sie nicht wirklich umfassend informiert ist. 

8. Vergiss Objektivität: Echte Emotionen bringen dich weiter

Oft beginnen Verschwörungsideologien mit teils sehr persönlichen Betroffenheitsbekundungen. Nüchterne und sachliche Fakten können dagegen nicht anstinken. Aber du kannst damit kontern, indem du Geschichten aus deiner eigenen Gefühlswelt erzählst, die zum Thema passen. 

Ein Beispiel aus der Corona-Zeit bringt es auf den Punkt: Auf die Aussage "Corona gibt es doch gar nicht, die Regierung will uns nur kontrollieren" könntest du erzählen, was dich beim Thema betroffen macht. Etwa: "Meine Bekannte arbeitet im Krankenhaus auf der Intensivstation. Sie hat viele Menschen mit Corona sterben sehen. Das geht auch mir sehr nahe!"

9. Stopp: Ziehe klare Grenzen

Es kann anstrengend sein, wieder und wieder gegen Verschwörungsmythen zu argumentieren. Ziehe deshalb für dich eine klare Grenze! Wenn es zu abstrus wird, kannst du ein Gespräch mit gutem Gewissen abbrechen, ebenso bei rassistischen oder diskriminierenden Tendenzen. Bringe deine Bedenken klar zum Ausdruck und entgegne derartigen Aussagen entschlossen.

Aber auch dein Gegenüber kann Grenzen ziehen. Wenn du selbst ideologisch oder nur noch subjektiv argumentierst, wird auch der oder die Verschwörungstheoretiker:in das Gespräch beenden. 

10. Du bist nicht allein: Such dir Unterstützung

Trotz jeglicher Mühe kann es sein, dass dein Gegenüber sich nicht überzeugen lässt. Gerade im Familienkreis kann einem das schon sehr Nahe gehen.

Verschwörungsideologien sind kein neues Phänomen, deshalb gibt es schon lange viele Beratungsstellen, so wie bei Pfarrer Oliver Koch im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).

Aber auch mit Freund:innen kannst du dich austauschen und Allianzen gründen, indem ihr einfach gemeinsam etwas gegen das beschämende Schweigen bei Verschwörungstheorien unternehmt. 

Ein Blick zurück: Corona a.ka. der Ursprung vieler Verschwörungen

Oliver Koch ist der Frankfurter Referent für Weltanschauungsfragen. Er sagte 2023 gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd), dass Verschwörungstheorien sehr hoch im Kurs sind. Zur Coronazeit suchten immer mehr Menschen (täglich drei bis vier Beratungen) die Hilfe des Pfarrers aus dem Zentrum Ökumene.

Menschen, die Verschwörungstheoretiker:innen in ihrem direkten Umfeld haben, berichteten von immer "dramatischeren" Fällen. Jahrzehntelange Beziehungen seien zerbrochen, wenn ein Partner den ganzen Alltag durch die Brille einer Verschwörungsideologie gesehen hat. "Menschen sind verzweifelt."

Bis heute spüren manche Menschen die Folgen des, durch die Pandemie entstandenen, Misstrauens bei ihren Mitmenschen. Wenn du auch immer noch damit stuggelst: Auf der Webseite der EKHN findest du mehr Tipps, die dir im Umgang mit Verschwörungstheoretiker:innen helfen können. 

Keine Macht den Fake-News

Auch heute, sechs Jahre nach dem ersten Lockdown, sind Fake News und Desinformationen Teil unseres täglichen Lebens. Umso wichtiger ist es zu wissen, wo du fundierte Informationen bekommst: 

  • Quarks - Wissenschaftsjournalismus (besonders stark beim Thema Klimawandel)
  • Reuters Fact Check - internationale Nachrichtenagentur (prüft unter anderem Fotos und Videos auf Echtheit)  
  • Correctiv Faktencheck - deutschsprachig, (besonders stark bei Desinformation und viralen Behauptungen)

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