Warum ausgerechnet die Gartenbohne "Giftpflanze des Jahres" ist

Warum ausgerechnet die Gartenbohne "Giftpflanze des Jahres" ist
Sie landete während der Pandemie häufiger auf dem Teller - und sorgte für Anrufe bei Giftnotzentralen. Die Gartenbohne ist "Giftpflanze des Jahres 2026". Ihre Wahl enthüllt eine unterschätzte Gefahr und einen stillen Verlust in unseren Gärten.
27.08.2026
epd
Von Marcus Mockler (epd)

Stuttgart, Hamburg (epd). Der Boom im heimischen Gemüseanbau während der Corona-Pandemie hatte eine unerwartete Nebenwirkung: Die Giftinformationszentralen verzeichneten plötzlich deutlich mehr Anrufe wegen Beschwerden nach dem Verzehr von Gartenbohnen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung vermutete damals: Es habe mehr Hobbygärtner gegeben und es sei mehr zu Hause gekocht worden. Und viele Menschen wussten offenbar nicht, dass Bohnen ein Gift enthalten. In diesem Jahr hat der Hamburger Botanische Sondergarten Wandsbek die beliebte Gartenbohne (Phaseolus vulgaris) nun zur Giftpflanze des Jahres 2026 gewählt.

Das giftige Geheimnis der Bohne steckt in ihren rohen Samen und Hülsen und heißt Phasin. Gelangt es in den menschlichen Körper, greift es die Darmschleimhaut an und verklumpt rote Blutkörperchen. Die Folgen sind teils heftig. Schon der Verzehr weniger roher Bohnen kann zu Übelkeit, Erbrechen und Magen-Darm-Entzündungen führen. In schweren Fällen könnten Fieber, Schüttelfrost, Krampfanfälle, Blutdruckabfall und sogar Schock die Folgen sein. Darum müssen Bohnen immer gut gekocht werden.

Das Geheimnis der Kochzeit

Insbesondere für Kinder stellt das Naschen vom Strauch eine ernste Gefahr dar. Dass Gartenbohnen dennoch auf den Teller kommen, liegt daran, dass Phasin hitzeempfindlich ist. Werden die Bohnen für mindestens 10 bis 15 Minuten gekocht, zerfällt der Giftstoff vollständig und macht die Hülsenfrucht zu dem, als was sie geschätzt wird - einem gesunden Nahrungsmittel mit viel Protein und Mineralstoffen.

Hunderte von traditionellen Landsorten, die über Generationen an das Klima und die Böden ihrer Region angepasst wurden, verschwinden allerdings von den Äckern und aus den Katalogen. Mitverantwortlich dafür sind die Saatgut-Regeln der EU, die für den kommerziellen Handel homogene und beständige Sorten fordern. Die Absicht dahinter ist, dass sich Bauern darauf verlassen können, gleich schnell wachsende Pflanzen zu kaufen. Die Früchte lassen sich dann zur selben Zeit ernten und haben alle in etwa dieselben Inhaltsstoffe. Diese Standardisierung macht die Landwirtschaft effizienter, doch fallen traditionelle Sorten häufig durchs Raster.

Vielfalt im eigenen Garten retten

Bürger können aber beim Retten der Vielfalt helfen. Das internationale Forschungsprojekt „Increase“ etwa, dessen deutscher Partner das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben in Sachsen-Anhalt war, hatte Hobbygärtner eingeladen, zu Bohnen-Forschern zu werden. Weltweit machten 27.000 Menschen mit. Teilnehmer erhielten kostenlos Saatgut seltener Bohnensorten, bauten sie im eigenen Garten an und dokumentierten das Wachstum per App. Das Projekt wurde 2024 mit dem EU-Preis für „Citizen Science“ (Bürgerwissenschaft) ausgezeichnet, der Verein „Diversitas“ will es fortführen.

Und das Braunschweiger Thünen-Institut widmet sich in seinem Projekt „SmartBeans“, das Ende des Jahres ausläuft, der Züchtung ertragsstarker Gartenbohnen. Sie sollen einen besonders hohen Nährwert und eine starke Toleranz gegenüber Trockenheit entwickeln, heißt es in der Beschreibung.

Eine von „drei Schwestern“

Der Ursprung der Gartenbohne liegt in den Hochebenen Mittel- und Südamerikas, wo sie seit Jahrtausenden ein Grundpfeiler der Ernährung ist. Dort war sie Teil der „Drei Schwestern“, eines genialen Anbausystems der indigenen Völker, das auf drei Pflanzen setzte: Mais diente den Stangen-Bohnen als natürliche Rankhilfe, die Bohnen sammelten Stickstoff aus der Luft und düngten damit den Boden für alle, und der Kürbis schützte mit seinen großen Blättern die Erde vor Austrocknung.

Im 16. Jahrhundert brachten spanische und portugiesische Schiffe die nahrhafte Fracht über den Atlantik. In Europa trat sie einen Siegeszug an und verdrängte die bis dahin bekannte Ackerbohne, die aus botanischer Sicht keine echte Bohne ist, sondern zu den Wicken gehört. Die Gartenbohne wurde zu einem festen Bestandteil der regionalen Küchen. Ihr Genuss sorgt - trotz Kochen - mitunter in den Gedärmen für Nebeneffekte, weil enthaltener Mehrfachzucker nicht verdaut werden kann. Der Volksmund beschreibt es mit dem Spruch „Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen“. Der Beliebtheit der Gartenbohne hat das bis heute keinen Abbruch getan.