Erneuter Anstieg antisemitischer Vorfälle in Thüringen

Erneuter Anstieg antisemitischer Vorfälle in Thüringen
Antisemitische Vorfälle bleiben in Thüringen auf einem besorgniserregend hohen Niveau. Besonders israelbezogener Antisemitismus und Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund prägten das vergangene Jahr.
26.08.2026
epd
Von Matthias Thüsing (epd)

Erfurt (epd). Thüringen hat 2025 so viele antisemitische Vorfälle wie nie zuvor registriert. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Thüringen dokumentierte im vergangenen Jahr insgesamt 418 Vorfälle, wie deren Leiter Timo Galki bei der Vorstellung des Jahresberichts am Mittwoch in Erfurt sagte. Das waren 26 Fälle mehr als 2024.

Mit 350 Fällen entfiel der größte Teil laut Galki auf verletzendes Verhalten wie antisemitische Äußerungen, Schmierereien oder Aufkleber. Hinzu kamen 45 gezielte Sachbeschädigungen, zehn Bedrohungen, neun Massenzuschriften und vier Angriffe. Fälle extremer Gewalt wurden nach Angaben von Galki wie im Vorjahr nicht registriert.

Jena ist Zentrum von israelbezogenem Antisemitismus

Israelbezogener Antisemitismus war dem Bericht zufolge mit 244 Fällen beziehungsweise 58,4 Prozent erneut die häufigste Erscheinungsform. Jena habe sich dabei weiter zu einem Zentrum des israelbezogenen Antisemitismus und des antiisraelischen Aktivismus in Thüringen entwickelt. Insgesamt 103 Vorfälle ordnete Rias einem rechtsextremen Hintergrund zu. Das bedeute einen Anstieg um 10,3 Prozent und damit den stärksten Zuwachs unter den politisch-weltanschaulichen Hintergründen.

Besonders häufig betroffen waren laut Galki Einrichtungen der Gedenkarbeit. Auch im öffentlichen Raum und im Internet registrierte die Informationsstelle zahlreiche Vorfälle. Antisemitismus wirke für Betroffene weit über einzelne Ereignisse hinaus und könne den Alltag sowie die gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigen, sagte Galki.

Beauftragter spricht von dauerhaft alarmierenden Niveau

Der Thüringer Antisemitismusbeauftragte Michael Panse sprach von einem dauerhaft alarmierend hohen Niveau. Die Zahl der Vorfälle sei zwar nicht mehr so stark gestiegen wie unmittelbar nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023. Zugleich nehme nach seiner Einschätzung die Aggressivität antisemitischer Vorkommnisse zu. Hemmschwellen würden zunehmend überschritten.

Panse verwies auf eine ähnliche Entwicklung im Bund. Bundesweit seien 2025 insgesamt 8.775 antisemitische Vorfälle dokumentiert worden. Die Zahlen verharrten auf einem sehr hohen Niveau und seien auch nach dem Waffenstillstand im Nahen Osten im Oktober 2025 nicht zurückgegangen.

Haltungen werden zunehmend öffentlich und lautstark artikuliert

Nach Einschätzung Panses ist der Anteil der Menschen mit antisemitischen Einstellungen nicht zwingend größer geworden. Vielmehr würden Haltungen zunehmend öffentlich und lautstark artikuliert. So zeige etwa der ebenfalls jährlich erhobene Thüringen-Monitor der Landesregierung weiterhin einen festen Anteil von Menschen, die antisemitischen Aussagen zustimmten. Die zunehmende Sichtbarkeit und Aggressivität entsprechender Äußerungen könne jüdische Menschen verunsichern und Menschen, die sich für jüdisches Leben engagierten, zum Rückzug bewegen.

Zugleich sei die Beratungsstruktur in Thüringen ausgebaut worden, sagte Panse. Die in Berlin ansässige Fachberatungsstelle „Ofek“ für Betroffene antisemitischer Gewalt sei neu in die Förderung des Freistaats aufgenommen worden. Antisemitismus müsse erkannt, benannt und konsequent geahndet werden. Panse sprach sich zudem für eine Verschärfung des Strafrechts für antisemitische Taten aus.