Bonn (epd). Sechs von zehn Menschen mit Behinderung erleben laut einer Umfrage Diskriminierung. 59 Prozent der Menschen mit Behinderung wurden in den vergangenen fünf Jahren nach eigenen Angaben in unterschiedlichen Alltagssituationen benachteiligt, wie eine am Dienstag in Bonn veröffentlichte Umfrage der Aktion Mensch ergab. Das seien etwa doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung. Die Diskriminierung reiche von kleinen alltäglichen Handlungen und Kommentaren über herabwürdigende Aussagen bis hin zu fehlender Barrierefreiheit.
Die Umfrageergebnisse deckten sich etwa mit denen des Vorjahres und zeichneten weiterhin ein „düsteres Bild der Lebensrealität von Menschen mit Behinderung“ in Deutschland, erklärte die Organisation. Sie spiegelten strukturelle Ungleichheiten und eine Stigmatisierung dieser Bevölkerungsgruppe wider. Die Gesetzgebung und staatliche Maßnahmen dagegen seien „offensichtlich unzureichend“.
Diskriminierung oft im öffentlichen Raum
Die Betroffenen berichteten am häufigsten von Diskriminierung im öffentlichen Raum (68 Prozent), durch staatliche Stellen (57 Prozent), am Arbeitsplatz (59 Prozent) oder im Bereich Wohnen (47 Prozent). Für mehr als ein Viertel der Befragten (29 Prozent) sei Diskriminierung ständig ein Problem. Häufig seien es „kleine, unsichtbare Handlungen“, die Menschen mit Behinderung diskriminieren, hieß es.
Diese strukturelle Benachteiligung führt den Ergebnissen zufolge bei vielen Menschen zu Rückzug und schadet dem Selbstwertgefühl. 44 Prozent der Befragten, die Diskriminierung erlebten, hätten im Anschluss ähnliche Situationen vermieden. Ein Drittel (33 Prozent) habe sich nach einer Diskriminierungserfahrung als „nicht gut genug“ empfunden. Jeder Fünfte (20 Prozent) habe sich sogar selbst die Schuld für die Diskriminierung gegeben. Knapp die Hälfte der Menschen mit Beeinträchtigung (47 Prozent) fühle sich mit ihren Problemen nicht ernst genommen.
Ängste und Unsicherheit bei den Betroffenen
Die Sprecherin der Aktion Mensch, Christina Marx, verwies auf Ängste und Unsicherheiten bei den Betroffenen. „Viele Menschen mit Behinderung fühlen sich nicht sicher genug in der Gesellschaft verankert, um offiziell Beschwerde einzureichen“, sagte Marx. Sie befürchteten, dadurch noch mehr Probleme zu bekommen oder glaubten nicht, dass es etwas nützt. Die Organisation fordert von Melde- und Beratungsstellen, ihren Einsatz für die Rechte von Menschen mit Behinderung stärker nach außen zu tragen. Denn 37 Prozent der Betroffenen wüssten nicht, an wen sie sich bei Diskriminierung wenden können.
Die Organisation mahnte zudem mehr Aufklärung an. So hätten 53 Prozent der Menschen mit Beeinträchtigung angegeben, dass ein besseres Verständnis für die Problematik von Diskriminierung notwendig sei. Wichtig seien auch mehr Barrierefreiheit, wirksamere Beschwerde- und Unterstützungsstrukturen sowie mehr Einsatz gegen Diskriminierung in der Gesellschaft.
Für die Umfrage hat das Sozialforschungsinstitut Ipsos den Angaben zufolge vom 2. bis 14. Juli 1.093 Menschen ab 16 Jahren in Deutschland online befragt. Darunter seien 593 Menschen mit Beeinträchtigung gewesen. Die Befragung wurde zum zweiten Mal in dieser Form durchgeführt.



