Berlin, Kabul (epd). Fünf Jahre nach der Machtübernahme durch die Taliban sieht die Welthungerhilfe die Lage in Afghanistan als eine der größten humanitären Krisen weltweit an. Die Regionaldirektorin der Welthungerhilfe für Asien, Elke Gottschalk, sprach am Samstag im Inforadio des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) von einer chronischen humanitären Krise dort. Sie fügte hinzu: „Aber wir können nicht die afghanische Bevölkerung alleine lassen, weil wir mit der Regierung nicht einverstanden sind.“
Am 15. August 2021 hatten die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen. Die Bundesregierung erkennt die Taliban-Regierung zwar nicht an, unterhält aber „technische Kontakte“, um nach Afghanistan abschieben zu können. Laut Hilfsorganisationen sind rund sechs Millionen Afghaninnen und Afghanen wegen Krieg, Misswirtschaft und Naturkatastrophen aus dem Land geflüchtet.
Nach den Worten der Welthungerhilfe-Regionaldirektorin sind 45 Prozent der Bevölkerung dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Fast 17 Millionen Menschen litten unter akutem Hunger, darunter 3,7 Millionen Kinder. „Die Situation ist wirklich dramatisch“, sagte Gottschalk.
Lebensmittel verderben
Man könne dabei nicht sagen, dass es in Afghanistan keine Nahrungsmittel gebe: „Im Moment zum Beispiel durch die Konflikte mit geschlossenen Grenzen verderben in Afghanistan geradezu frische Lebensmittel, die normalerweise exportiert werden würden. Aber sie kommen nicht dahin, wo die Menschen es tatsächlich brauchen.“
Auch die Menschenrechtslage in dem Land am Hindukusch hat sich in den fünf Jahren Taliban-Herrschaft massiv verschlechtert - vor allem für Frauen und Mädchen. Die Grünen-Abgeordnete im EU-Parlament, Hannah Neumann, kritisierte im Deutschlandfunk, dass Frauen und Mädchen faktisch keinen Zugang mehr zu Bildung hätten und auch keinen Beruf ausüben dürften. Unter diesen Bedingungen sei es schwer vorstellbar, wie man überhaupt noch ein menschenwürdiges Leben leben könne.
Theologien Käßmann: Nichts ist besser geworden in Afghanistan
Auch die evangelische Theologin Margot Käßmann sieht keine Verbesserung der Lage in Afghanistan nach dem westlichen Militäreinsatz und dessen abrupten Ende vor fünf Jahren. „Besser geworden ist in Afghanistan jedenfalls nichts. Und die Menschen dort, vor allem die Frauen tun mir unendlich Leid“, sagte Käßmann dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND, Samstag)“.
Noch heute warteten Menschen aus Afghanistan im Nachbarland Pakistan, dass Deutschland endlich seine Schutzzusagen für sie in Taten umsetze. „Das ist doch beschämend für Deutschland“, sagte die frühere hannoversche Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Kritik an Bundesregierung
Grünen-Politikerin Neumann kritisierte, vor dem Hintergrund der Entwicklungen in dem Land finde sie es unverständlich, dass sich die Taliban derzeit einen Weg in Normalisierung international erpressten. Eines der zentralen Ziele der radikal-islamischen Taliban sei es, international normalisiert zu werden. Die deutsche Bundesregierung und teils nun auch die EU ließen sich durch die Migrationsdebatte in diese Richtung erpressen. Es sei absurd, dass Taliban-Vertreter nun in den Konsulaten in Deutschland säßen und diejenigen, die vor ihnen geflohen seien, heute in diese Konsulate gehen müssten, um etwa Passverlängerungen zu beantragen.



