Berlin (epd). Vor fünf Jahren haben die radikalislamischen Taliban in Afghanistan erneut die Macht ergriffen. Angesichts der anhaltenden Not der Bevölkerung hat Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) insbesondere die Lage der Frauen und Mädchen im Land als „extrem bedrückend“ bezeichnet. Die Ministerin sagte dem ARD-Hauptstudio am Freitag: „Wir lassen die Menschen in Afghanistan nicht allein.“ Deutschland helfe „sehr gezielt dort, wo unsere Unterstützung die Menschen auch wirklich erreicht, besonders Frauen und Mädchen“. Verbände und Hilfswerke kritisierten derweil verstärkte Abschiebungen und widerrufene Aufnahmezusagen für Afghaninnen und Afghanen durch die Bundesregierung.
Am 15. August 2021 hatten die Taliban die Hauptstadt Kabul eingenommen. Die Bundesregierung erkennt die Taliban-Regierung zwar nicht an, unterhält aber „technische Kontakte“, um nach Afghanistan abschieben zu können. Alabali Radovan bekräftigte: „Die Bundesregierung hat hier unterschiedliche Aufgaben und Zuständigkeiten, für meinen Bereich ist die Linie klar. Unsere Entwicklungszusammenarbeit findet nicht mit den Taliban statt.“
Diakonie und Pro Asyl kritisieren verstärkte Abschiebungen
Die Diakonie Deutschland kritisierte die Bestrebungen der Bundesregierung, bei Abschiebungen nach Afghanistan mit den Taliban zusammenzuarbeiten. Seit 2024 seien bereits rund 200 Straftäter und Gefährder abgeschoben worden, seit Juli erstmals auch alleinstehende afghanische Männer. Eine Rückkehr dürfe jedoch nur in Sicherheit und Würde erfolgen.
Die Bundesregierung lasse „Schutzsuchende im Stich und hofiert ein radikalislamistisches Regime, um Abschiebungen um jeden menschenrechtlichen Preis durchzusetzen“, kritisierte Pro-Asyl-Geschäftsführerin Helen Rezene. Die Menschenrechtsorganisation forderte die Bundesregierung auf, bereits erteilte Aufnahmezusagen an besonders gefährdete Afghanen einzuhalten.
Mehr ausgewiesene Afghanen aus Nachbarländern Pakistan und Iran
Laut den Vereinten Nationen benötigt fast jeder zweite Mensch in Afghanistan humanitäre Hilfe. Rund sechs Millionen Afghaninnen und Afghanen seien wegen Krieg, Misswirtschaft und Naturkatastrophen aus dem Land geflüchtet, ein Großteil von ihnen in die direkten Nachbarländer, erklärte die Diakonie Katastrophenhilfe.
Das evangelische Hilfswerk äußerte sich besorgt über die steigende Zahl geflüchteter Afghaninnen und Afghanen, die aus Pakistan und dem Iran nach Afghanistan zurückkehren mussten. 2025 seien das mehr als eine Million Menschen gewesen, darunter zwei Drittel Frauen und Kinder.
Unicef: 2,6 Millionen Mädchen von weiterführender Bildung ausgeschlossen
Die Menschenrechtslage im Land hat sich in den fünf Jahren Taliban-Herrschaft massiv verschlechtert - vor allem für Frauen und Mädchen. Seit 2021 werde mehr als 2,6 Millionen Mädchen in Afghanistan der Zugang zu weiterführenden Schulen verwehrt, kritisierte das Kinderhilfswerk Unicef. Seit 2022 hätten Frauen keinen Zugang mehr zu Universitäten.
Entwicklungsministerin Alabali Radovan bezeichnete die geschlechtsbasierte Diskriminierung als Katastrophe. „Wir können die Politik der Taliban nicht ändern, aber wir können dafür sorgen, dass unsere Hilfe vor allem Frauen erreicht, bei Ernährung, Gesundheit, Bildung“, sagte die Ministerin.



