Kassel (epd). An heißen Tagen läuft im Tagesaufenthalt des Diakonischen Werks Region Kassel der Ventilator. Kostenloses Wasser steht bereit, manchmal bringt die Hauswirtschafterin Eis oder Wassermelone: kleine Erfrischungen, die aus Spenden finanziert werden. Die Aufenthaltsmöglichkeit in Hofgeismar nutzten vor allem Armutsbetroffene sowie Menschen, die unter Einsamkeit oder Wohnungsproblemen leiden, erklärt Tabea Meusel vom Diakonischen Werk.
Ärmere Menschen sind in mehrfacher Hinsicht bei sehr hohen Temperaturen belastet. „Die für sie bezahlbaren Wohnungen bieten oft keinen ausreichenden Schutz vor Hitze“, sagt Silke Asmußen vom Sozialverband VdK Hessen-Thüringen. Gutverdiener könnten sich dagegen besser ausgestattete, womöglich klimatisierte Wohnungen in grüneren Vierteln leisten. Menschen mit kleinem Budget lebten häufiger in Häuserblocks ohne kühle Rückzugsorte.
Vorerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden erhöhten das Risiko zusätzlich. Der VdK fordere daher verbindliche Vorgaben und Anreize für eine hitzesichere, bezahlbare Sanierung sowie kommunale Hitzeaktionspläne, Trinkbrunnen und barrierefreie Kühlräume.
Investitionen zum Hitzeschutz können teuer werden
Doch der Schutz vor zunehmender Sommerhitze kann für Menschen mit wenig Geld zur Belastung werden, warnt Harald Kühlborn, der Vorsitzende des Mieterbunds Nordhessen. Denn Investitionen in Dämmung oder Außenjalousien dürften Vermieter teilweise auf die Miete umlegen. Einkommensarme wohnten besonders oft dort, wo sich Hitze staut. Das seien schlecht gedämmte Häuser, Wohnungen, die in den 1950er, 60er und 70er Jahren gebaut wurden, in die längere Zeit nicht investiert wurde, dicht bebaute Quartiere mit wenig Grün oder Wohnungen an lauten Hauptstraßen, an denen nachts kaum gelüftet werden kann.
Die Modernisierungsumlage ermögliche, dass acht Prozent der um Fördermittel bereinigten Investitionskosten auf die Miete aufgeschlagen werden könnten. „Das ist für viele Menschen mit geringem Einkommen, die heute schon über 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Miete aufbringen, nicht mehr leistbar.“ Kühlborn fordert, den Umlagesatz zu senken, die Erhöhung nach der Abschreibung auslaufen zu lassen oder das Wohngeld anzupassen.
Hitzeperioden erhöhen Preise für Lebensmittel
Der hessische Hitzeaktionsplan von 2025 weist darauf hin, dass notwendige bauliche Anpassungen bislang günstige Mieten verteuern könnten. Gleichzeitig stiegen durch Dürren und lange Hitzeperioden möglicherweise die Preise für Grundbedürfnisse wie Lebensmittel. Arme Haushalte hätten außerdem weniger Geld für Dämmung, Klimageräte oder Schutz im Freien. Klimaanlagen empfiehlt der Plan allerdings erst als letzte Möglichkeit: Sie verbrauchten viel Strom, gäben Wärme nach außen ab und verschärften den städtischen Wärmeinseleffekt.
Um gesundheitliche Ungleichheiten bei zunehmender Hitzebelastung zu verringern, müssten besonders gefährdete und sozioökonomisch benachteiligte Menschen - dazu zählen alte, arme und chronisch kranke Menschen - gezielt in Maßnahmen der Klimaanpassung einbezogen werden. Wichtig seien dabei auch eine bessere Gesundheitskompetenz sowie klimaangepasste Städteplanung.
Kassel arbeitet an Hitzeaktionsplan
Ein bloßer Temperaturanstieg gilt Kühlborn zufolge mietrechtlich noch nicht als Mangel. Wird eine Wohnung praktisch unbewohnbar, könnten im Einzelfall aber Mietminderung, Schadenersatz oder eine außerordentliche Kündigung möglich sein. Ventilatoren seien für arme Mieter oft praktikabler als Klimageräte oder bauliche Maßnahmen.
Kassel arbeitet derzeit an einem Hitzeaktionsplan, der in der zweiten Jahreshälfte veröffentlicht werden soll, sagt Stadtsprecher Michael Schwab. Vorgesehen seien Warnketten bei Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes, Informationen über mehrere Kanäle und ein besonderer Schutz gefährdeter Gruppen. Es gebe bereits eine Karte kühler Orte wie etwa Kirchen, Parks und Bibliotheken und mindestens acht Trinkbrunnen. In fünf Jahren sollten zudem 10.000 Bäume zu den rund 90.000 städtischen Bäumen hinzukommen.



