Heidelberg, Stuttgart (epd). Beschwerden über laute Kirchenglocken in der Nacht sind nach Einschätzung des Glockenexperten Michael Kaufmann vor allem ein Sommerphänomen. Im Gespräch mit dem Südwestrundfunk (SWR) erklärte Kaufmann am Montag, dass viele Menschen die Schläge nur bei geöffneten Fenstern hörten. Zudem seien es oft neu zugezogene Bürger ohne Traditionsbezug, die sich gestört fühlten. Anlass für das Gespräch war eine Auseinandersetzung in Neckartailfingen bei Esslingen, wo Anwohner eine Petition für eine nächtliche Glockenruhe gestartet haben.
Kaufmann, der an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg Glockensachverständige ausbildet, verwies auf die jahrhundertealte Geschichte des Uhrenschlags. Die ersten mechanischen Kirchturmuhren seien vor 700 bis 800 Jahren gebaut worden, um die Zeit für alle hörbar zu machen. Theologisch stehe der Zeitschlag für die Vergänglichkeit des Lebens und verweise auf das Jüngste Gericht.
Fachmann empfiehlt Dialog
Zur Lösung von Konflikten riet der auch als Mediator tätige Musikwissenschaftler zum frühzeitigen Dialog, bevor die Situation eskaliere. Wenn eine Einigung nicht möglich sei, gebe der Gesetzgeber klare Richtwerte vor. Kirchengemeinden seien verpflichtet, die Vorgaben der „Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm“ (TA Lärm) einzuhalten.
Solange eine Gemeinde diese Grenzwerte beachte, könne ihr der nächtliche Zeitschlag nicht verboten werden, betonte der Experte. Ob die Glocken nachts schlagen oder schweigen, werde in Deutschland unterschiedlich gehandhabt. Sowohl das durchgehende Läuten als auch eine Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr seien verbreitet.
Lärm im Kirchturm absenken
Falls der Uhrenschlag zu laut sei, gebe es technische Möglichkeiten, ihn leiser zu machen. Dazu zähle eine sogenannte Nachtabsenkung, bei der ein Hammer aus geringerer Höhe auf die Glocke falle. Auch Puffer an den Hämmern oder eine dichtere Verkleidung der Schallläden im Turm könnten die Lautstärke reduzieren.



