Streit um Liederauswahl für neues evangelisches Gesangbuch

Streit um Liederauswahl für neues evangelisches Gesangbuch
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will bis 2029 ein neues Gesangbuch herausbringen. Die Kirchengemeinschaft VEM äußert scharfe Kritik an der Liedauswahl: Internationale Perspektiven fehlten. Die EKD weist die Kritik zurück.
27.07.2026
epd
Von Thomas Krüger (epd)

Wuppertal, Hannover (epd). In der evangelischen Kirche gibt es Streit über das geplante neue Gesangbuch, das bis 2029 erscheinen soll: Die internationale Kirchengemeinschaft Vereinte Evangelische Mission (VEM) kritisiert den Auswahlprozess für die Lieder und wirft einigen Autorinnen und Autoren in einer am Montag in Wuppertal veröffentlichten Stellungnahme eine Nähe zu „rechten und nationalistischen Strömungen vor. “Internationale und dekoloniale" Perspektiven fehlten im bisherigen Prozess komplett oder seien bewusst übergangen worden.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wies die Vorwürfe zurück. Es gebe noch keine endgültige Liedauswahl, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) in Hannover. Zudem würden auf dem weiteren Weg zur endgültigen Liederliste weitere internationale und ökumenische Perspektiven sowie Expertise aus dem Arbeitsfeld „Rassismus und Kirche“ in die Beratungen einbezogen.

Vorwurf mangelnder Beteiligung und rechter Theologie

Bis 2029 will die EKD ein neues Gesangbuch mit modernen und traditionellen Liedern herausbringen, das gedruckt und digital erscheinen soll. Sie veröffentlichte im Juni eine vorläufige Liste mit 600 ausgewählten Liedern für den Stammteil und zusätzlichen Liedern für eine digitale Version. Eine 70-köpfige Gesangbuchkommission aus Kirchen und Fachverbänden hatte mehrere Jahre lang rund 17.000 Liedvorschläge gesichtet und ihre Auswahl in 550 ausgewählten Kirchengemeinden erproben lassen.

Der Vorstand der VEM - eine Gemeinschaft von 38 Kirchen aus Afrika, Asien und Deutschland sowie den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel - stellt in ihrer Stellungnahme „die Frage der Beteiligung“ ins Zentrum. Ein Gesangbuch zeige, „wer dazugehört“, es solle Brücken bauen zwischen Menschen und Kulturen. Dass Lieder aus der weltweiten Ökumene in der Liste enthalten sind, sei zwar ein guter Anfang, reiche jedoch nicht aus. Beteiligung bedeute, „dass die, die Ausgrenzung erleben, gefragt werden, bevor eine Liste veröffentlicht wird - nicht erst danach“, monierte der VEM-Vorstand.

Vorwurf rechter und nationalistischer Theologie

Die EKD-Sprecherin sagte, bereits die vorläufige Liederliste enthalte zahlreiche Lieder aus unterschiedlichen kulturellen und konfessionellen Traditionen. Sie verwies darauf, dass daran hymnologische Fachleute mit ausgewiesener Kompetenz für internationale Ökumene beteiligt gewesen seien.

Einigen Autorinnen und Autoren wirft der Kirchenbund vor, ihre öffentlich vertretene Theologie berühre sich „mit rechten und nationalistischen Strömungen“. Dazu zählt die VEM „eine Vorstellung von Familie und Nation, die keinen Platz für Vielfalt lässt, eine Ablehnung queerer Lebensweisen, die Menschen ihre Würde abspricht, und eine Rhetorik, die Ausgrenzung als Glaubensfrage tarnt“. Namen wurden nicht genannt. Es gehe um ein Muster „kolonialer und nationalistischer Ideologien“. Die Gesangbuchkommission wurde aufgefordert, „ihre Arbeitsweise zu überdenken“.

Ethikbeirat soll Umgang mit „herausforderndern Liedern“ unterstützen

Der EKD sei bewusst, dass einzelne Autorinnen und Autoren kontrovers diskutiert würden, erklärte die Sprecherin. Daher erfolge die Auswahl in einem „sorgfältigen fachlichen Verfahren“, bei dem die Kommission unter anderem auch mit der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen im Austausch sei. Ein eigens eingesetzter Ethikbeirat unterstütze „einen verantwortungsvollen Umgang mit ethisch herausfordernden Liedern“. Die Sprecherin betonte, die Aufnahme eines Liedes ins Gesangbuch bedeute „keine pauschale Zustimmung zu sämtlichen Positionen oder persönlichen Äußerungen“ von Verfassern.

Die VEM sieht ihre Stellungnahme „in einem größeren gesellschaftlichen Kontext“: Angesichts eines Rechtsrucks und des Erstarkens der AfD wachse für viele Menschen in Deutschland eine reale Bedrohung. „Umso wichtiger ist es, dass die Kirche in dieser Zeit klar Stellung bezieht und für den Schutz derer einsteht, die durch dieses System marginalisiert werden“, erklärte der Vorstand. „Wenn die evangelische Kirche in Deutschland in einer vielfältigen Gesellschaft Zukunft haben will, braucht sie international erfahrene Stimmen und Perspektiven wie unsere.“