Lüneburg (epd). Die aktuelle Debatte um Leihmutterschaft und Reproduktionsmedizin offenbart nach Meinung des Kulturwissenschaftlers Andreas Bernard einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Der Fall des inzwischen zurückgetretenen Unions-Fraktionschefs Jens Spahn sei „Symptom einer Zeit, in der der individuelle Kinder- und Familienwunsch politische und weltanschauliche Überzeugungen übertrifft“, sagte der Professor von der Leuphana-Universität Lüneburg dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Das ist eine Verschiebung hin zu einem Anspruch auf das eigene Lebensglück.“
Gleichwohl bleibe das ethische Problem der Leihmutterschaften, die in den meisten Fällen kommerziell motiviert seien, bestehen, hob Bernard hervor. Für die Wunscheltern sei Leihmutterschaft selbstbestimmt. „Aber zugleich ist sie eine Industrie von Körpern sozial und finanziell schlechter gestellter Frauen, die ihre Gebärfähigkeit gegen Geld einsetzen, um wohlhabenderen Menschen ihren Kinderwunsch zu erfüllen.“ Das habe etwas „Kolonialistisches und Prostitutionsartiges“.
Vom Retortenbaby zum Wunschkind
Der CDU-Politiker Spahn und sein Ehemann hatten in der vergangenen Woche öffentlich gemacht, per Leihmutter in den USA Eltern geworden zu sein. Bis dahin hatte sich Spahn stets dafür ausgesprochen, am Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland festzuhalten.
Leihmutterschaften kommen heute meist mithilfe der In-vitro-Fertilisation zustande. Dabei wird ein im Labor erzeugter Embryo in die Gebärmutter der Leihmutter eingesetzt. Die Eizelle stammt in der Regel von der Wunschmutter oder einer Eizellspenderin.
Generell konstatierte Bernard eine weitreichende gesellschaftliche Veränderung bei der Beurteilung der Reproduktionsmedizin. Die Angst vor dem Künstlichen verschwinde zunehmend, erklärte er. Deutlich zeige sich daran, dass in den 70er und 80er Jahren bei einer In-vitro-Fertilisation noch von einem „Retortenbaby“ die Rede war, während man heute von einem „Wunschkind“ spreche. „Darin kommt eine große Zäsur zum Ausdruck.“
Leihmutterschaft wird nur selten in Anspruch genommen
Der Kulturwissenschaftler, der über die Geschichte der Reproduktionsmedizin geforscht hat, geht davon aus, dass die Diskussion um Leihmutterschaften in kurzer Zeit wieder in den Hintergrund rücken wird. „Ich glaube, das Thema Leihmutterschaft ist zu exotisch und betrifft zu wenige Menschen, als dass es eine langfristige Debatte auslösen wird.“ In vier Wochen werde niemand mehr darüber reden.
Anders sei es bei der Eizellspende, die ebenfalls in Deutschland untersagt ist, die aber viele Paare im Ausland in Anspruch nehmen. „Dass die Samenspende erlaubt ist, die Eizellspende aber nicht, hat möglicherweise tatsächlich etwas Unfaires“, sagte Bernard.



