Hannover, Stade (epd). Ein Strafprozess kann aus Sicht des Opferanwalts Steffen Hörning für die Angehörigen von Opfern einer Gewalttat einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das Geschehene einzuordnen und langfristig zu bewältigen. „Die Frage nach dem Warum steht in jedem solchen Prozess häufig über allem“, sagte der Vorsitzende der Opferschutz-Organisation „Weisser Ring“ in Niedersachsen am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nicht selten sei es den Menschen wichtig, dem Täter in die Augen zu schauen.
Der Rechtsanwalt vertritt zwei Familien, deren Angehörige Ende Juni bei dem gewaltsamen Angriff auf sechs Beschäftigte der Jugendhilfe in Stade getötet wurden. Hintergrund war vermutlich ein Streit um das Sorgerecht für das drei Monate alte Kind des Tatverdächtigen. Der 45-jährige Mann nahm sich im Gefängnis das Leben. Gegen ihn kann deshalb nicht mehr verhandelt werden.
Angehörige hoffen auf Antworten
„Menschen haben in so einer Situation Tausende von Fragen“, sagte Hörning. Viele Angehörige wollten wissen, wie es zu einem solch schweren Gewaltverbrechen kommen konnte und was im Kopf des Täters oder der Täterin vorgegangen sei. „Deshalb dürfte der Suizid des Tatverdächtigen von Stade für die Angehörigen der Opfer ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht sein.“
Diese Fragen könnten vor Gericht häufig nur eingeschränkt beantwortet werden. Beschuldigte hätten ein Schweigerecht, sodass auch ein Prozess nicht automatisch Klarheit bringe. Die Verstorbenen seien in den Ermittlungsakten häufig nur als Namen, Fotos oder medizinische Befunde präsent. Einige Angehörige brächten deshalb manchmal ein Bild von ihnen mit in den Gerichtssaal, um ihnen „ein Gesicht zu geben“, sagte Hörning.
Der Umgang mit solchen belastenden Situationen sei sehr unterschiedlich: Einige Angehörige benötigten den Prozess zur Aufarbeitung und hofften darauf, dem mutmaßlichen Täter gegenüberzutreten. Andere empfänden es als Entlastung, nicht noch einmal mit dieser Person konfrontiert zu werden.



