Experte: Kita-Pflicht würde Vertrauensverhältnis zu Eltern belasten

Experte: Kita-Pflicht würde Vertrauensverhältnis zu Eltern belasten
In einigen Bundesländern wird über ein verpflichtendes Kita-Jahr diskutiert. Dadurch soll die Zahl der Kinder reduziert werden, die sprachliche und weitere Defizite bei der Einschulung aufweisen. Der Paritätische Gesamtverband ist skeptisch.
23.07.2026
epd
epd-Gespräch: Von Martina Schwager

Berlin (epd). Der Paritätische Gesamtverband beurteilt Forderungen nach einem verpflichtenden Kindergartenjahr skeptisch. Die Diskussion über eine Kita-Pflicht im letzten Jahr vor der Einschulung greife zu kurz, sagte der Referent für Kindertagesbetreuung beim Paritätischen, Niels Espenhorst, dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin. „Wir wissen aus der Bildungsverlaufsforschung, dass das Jahr vor der Schule gar nicht das entscheidende ist, sondern dass es sinnvoll ist, wenn die Bildungsbeteiligung der Kinder möglichst früh beginnt“, erläuterte er.

Deshalb müssten die Anstrengungen darauf gerichtet werden, dass möglichst viele Kinder möglichst früh eine Kita besuchen, forderte Espenhorst. Eine Kindergarten-Pflicht, die letztlich vom Kita-Personal kontrolliert und sanktioniert werden müsse, sei kontraproduktiv. Pflichten und Zwänge würden die auf Vertrauen beruhende Erziehungspartnerschaft zwischen Fachkräften und Eltern belasten.

Plätze fehlen

In mehreren Bundesländern wird aktuell über ein Kita-Pflichtjahr diskutiert. In Baden-Württemberg hat die schwarz-grüne Landesregierung dafür bereits konkrete Pläne. Derzeit könne vor allem im Westen Deutschlands noch nicht einmal allen Eltern, die das wollen, ein Kita-Platz für ihr Kind zur Verfügung gestellt werden, sagte Espenhorst. „Bevor wir über eine Pflicht reden, müsste erst einmal der Rechtsanspruch auf einen Kita-Besuch gedeckt sein.“

Angesichts sinkender Geburtenraten könnte sich die Situation in den Kitas jedoch bald entspannen, sagte der Experte. Dann werde es darauf ankommen, dass die Kommunen die Betreuungsqualität verbessern. Keinesfalls sollten sie bei sinkenden Kinderzahlen Fachkräfte abziehen: „Eine gute frühkindliche Bildung sollte uns mehr wert sein als bessere Straßenbeläge.“

Schweden als Vorbild

Eine gute Alternative zur deutschen Praxis wäre aus der Sicht von Espenhorst das schwedische Modell. Dort bekomme jede Familie mit einem Kleinkind von der Kommune einen Kita-Platz zugewiesen. Wenn sie diesen nicht in Anspruch nehmen wolle, müsse sie ihn ablehnen. „Das ist deutlich niedrigschwelliger, als wenn man sich aktiv um einen Kita-Platz bemühen muss.“