Expertin: Umgang mit dem Thema Leihmutterschaft "verlogen"

Expertin: Umgang mit dem Thema Leihmutterschaft "verlogen"
Die Rechtswissenschaftlerin Friederike Wapler hatte eine führende Rolle in der Kommission für reproduktive Selbstbestimmung, die 2024 ihren Bericht vorgestellt hat. Eine Debatte über das Thema Leihmutterschaft hält sie für dringend nötig.
20.07.2026
epd
epd-Gespräch: Franziska Hein

Mainz (epd). Die Mainzer Rechtswissenschaftlerin Friederike Wapler schließt sich Forderungen nach einer Debatte über die gesetzliche Regelung von Leihmutterschaft in Deutschland an. Es brauche dringend eine Debatte, weil es „diese reproduktiven Reisen“ ins Ausland gebe, wie zuletzt der Fall Jens Spahn gezeigt habe, sagte die Jura-Professorin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Wapler hatte die Arbeitsgruppe zum Thema Leihmutterschaft in der Kommission für reproduktive Selbstbestimmung koordiniert, die die Ampel-Koalition zur Reform des Fortpflanzungsrechts beraten hatte und 2024 ihre Empfehlungen vorgestellt hatte.

Einerseits gebe es in Deutschland das Verbot der Leihmutterschaft, andererseits nehme man sehenden Auges in Kauf, dass Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch Leihmütter in Ländern in Anspruch nehmen, in denen diese nur schlecht oder überhaupt nicht geschützt seien, sagte Wapler. Das zeige, dass der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema „verlogen“ sei.

Es gebe Formen von Leihmutterschaft, die ethisch vertretbar seien und die man rechtlich regeln könne, sagte die Rechtsphilosophin. Die Kommission habe einen Kompromissvorschlag erarbeitet, der vorsehe, dass alle Beteiligten, also auch die Leihmütter, bereit sein müssten, sich zusammenzusetzen und über diese besondere Beziehung zu sprechen. „Hinzu kommt: Wenn man von der Leihmutter erwartet, dass sie keinen Gewinn machen darf, dann darf man auch keine Akteure in diesen Markt lassen, die Gewinne erzielen.“ Die Agenturen oder Personen, die die Leihmutterschaft vermitteln und organisieren, müssten gemeinnützig arbeiten.

Potenzial für Ausbeutung

„Wir erkennen an, dass es unerfüllte Kinderwünsche gibt, die schmerzlich und belastend sind. Und bei denen es für bestimmte Personen und für bestimmte Paare nur diesen Ausweg gibt“, betonte Wapler. Die Betroffenen müssten dann aber auch anerkennen, dass mit dieser Leihmutter eine weitere Person in ihre Familienkonstellation hineinkomme, bei der sie nicht einfach so tun können, als gäbe es sie nicht.

Ihrer Meinung nach berge das Thema Leihmutterschaft ein Potenzial für Ausbeutung. „Wichtig wäre eine rechtssichere Lösung auch mit Blick auf die europäische Freizügigkeit und Dienstleistungsfreiheit in der EU. “Wir müssten sicherstellen, dass nicht Frauen aus Ländern mit einem niedrigeren Einkommensniveau wie Rumänien nach Deutschland einreisen und hier die Leihmutterschaften machen." Die starken Wohlstandsgefälle zwischen den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten erschwerten es, Missbrauchsstrukturen auszuschließen.