"Ärzte ohne Grenzen"-Geschäftsführer sieht Schwächung von Völkerrecht

"Ärzte ohne Grenzen"-Geschäftsführer sieht Schwächung von Völkerrecht
Angriffe auf Mitarbeitende und medizinische Einrichtungen in Konflikten nehmen zu. Der Geschäftsführer der deutschen "Ärzte ohne Grenzen"-Sektion, Christian Katzer, prangert eine weit verbreitete Straflosigkeit an.
18.07.2026
epd
epd-Gespräch: Moritz Elliesen

Frankfurt a.M. (epd). Kriege und Konflikte werden nach der Wahrnehmung des Geschäftsführers von „Ärzte ohne Grenzen“, Christian Katzer, heute rücksichtsloser ausgefochten als noch vor 10 oder 20 Jahren. „Die Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Mitarbeitende haben extrem zugenommen“, sagte Katzer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Standards des humanitären Völkerrechts seien durch die jüngsten Kriege und Konflikte, etwa in der Ukraine oder im Gaza-Streifen „extrem geschwächt“ worden.

„Das ist nicht vergleichbar mit früher, als schon ein T-Shirt mit unserem Logo ein guter Schutz war. Einfach weil damit signalisiert wurde: Hier handelt es sich um Helfer und Helferinnen“, sagte Katzer, der seit 2020 Geschäftsführer der deutschen Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“ ist. Auch Verhandlungen mit Regierungen und bewaffneten Gruppen, etwa um den Zugang zu Hilfsbedürftigen, seien vor zehn Jahren noch einfacher gewesen.

„Straffreiheit muss aufhören“

Katzer verwies auf die Arbeit der Hilfsorganisation im Südsudan. Dort gebe es verstärkt Angriffe auf Einrichtungen von „Ärzte ohne Grenzen“. Unter anderem seien zuletzt zwei Einrichtungen bei Luftangriffen getroffen worden. „Immer wieder kommen Kolleginnen und Kollegen bei Angriffen ums Leben“, sagte Katzer, der das ostafrikanische Land vor Kurzem besucht hat.

Mit Blick auf Verletzungen des humanitären Völkerrechts, das die Zivilbevölkerung und auch Krankenhäuser in Kriegen unter besonderen Schutz stellt, kritisierte Katzer eine weit verbreitete Straflosigkeit. „Anfang der 2000er Jahre haben wir bei Gesprächen mit den Anführern von bewaffneten Gruppen beispielsweise gemerkt, dass sie den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag durchaus im Hinterkopf hatten“, sagte er. Heute herrsche eine „Straffreiheit, die wieder aufhören muss“.

Kritik an Doppelstandards

Von der Bundesregierung forderte der „Ärzte ohne Grenzen“-Geschäftsführer eine „klare und unmissverständliche Unterstützung des Völkerrechts“. Man müsse sich bei Verletzungen äußern, „auch wenn enge Partner wie die israelische Regierung dafür verantwortlich sind“. Doppelstandards schadeten der Glaubwürdigkeit massiv. „Bewaffnete Gruppen überall auf der Welt registrieren, was stillschweigend akzeptiert wird und was nicht“, sagte Katzer: „Und sie können eigene Verbrechen damit rechtfertigen, dass sie in anderen Kontexten geduldet werden.“

Christian Katzer arbeitet seit 1999 für „Ärzte ohne Grenzen“. Einsätze für die medizinische Hilfsorganisation führten ihn unter anderem nach Liberia, Afghanistan und Somalia.