Experte zu "Witchfluencern" auf Social Media: Modernes Hexentum boomt

Experte zu "Witchfluencern" auf Social Media: Modernes Hexentum boomt
Räucherrituale auf TikTok und Witch Hauls, bei denen Hexen Gegenstände bewerben: Das moderne Hexentum boomt. Fabian Maysenhölder hat sich intensiv mit sogenannten "Witchfluencern" beschäftigt. Bei Gesundheitsthemen zieht er eine klare rote Linie.
14.07.2026
epd
epd-Gespräch: Judith Kubitscheck

Böblingen, Freiburg (epd). Ob „Witchtok“, Rachezauber oder „freifliegende Hexen“: In den Sozialen Netzwerken ist laut dem evangelischen Pfarrer und Buchautor Fabian Maysenhölder unübersehbar, dass das moderne Hexentum boomt. „Gerade auf Instagram oder TikTok spielt die Inszenierung eine große Rolle: Schön drapierte Altäre, Kräuter oder Räucherrituale erzeugen eine besondere, oft auch düstere Aura“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Für viele sei dies auch Ausdruck persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung. Zugleich habe sich in der Onlineszene daraus ein lukrativer Markt entwickelt. Beliebt seien etwa sogenannte „Witch Hauls“, in denen neue magische Utensilien präsentiert werden.

Mit Liebes- und Rachezauber soll die Welt kontrolliert werden

Laut Maysenhölder, der ein Buch über „Witchfluencer“ geschrieben hat, das im Herder-Verlag (Freiburg) erschienen ist, haben viele moderne Hexen ein magisches Weltbild, nach dem alles miteinander verbunden sei. Wer durch Rituale wie einen Liebes- oder Rachezauber die Energie, die nach Ansicht der Hexen alles verbinde, an einer Stelle beeinflusse, könne an anderer Stelle Wirkungen erzielen.

Außerdem gehe es um den Gedanken, die Welt durch das eigene Tun verfügbar und kontrollierbar zu machen. „In einer unsicheren Welt verspricht dieses magische Denken eine Form von Macht: Ich bin derjenige, der das Ganze kontrolliert und ich kann das in meine Richtung steuern.“

Problematisch werde es aus seiner Sicht vor allem bei Gesundheitsthemen. „Es ist lebensgefährlich, wenn Menschen Heilungszauber gegen Krebs durchführen und dadurch medizinische Behandlungen verschleppen.“ Zudem sei der Markt spiritueller Angebote weitgehend unreguliert. Bei Online-Coachings sei häufig unklar, welche Qualifikation die Anbieter hätten und ob sie etwa psychische Erkrankungen erkennen könnten.

„Unsere Antwort auf die Unsicherheit in der Welt sollte nicht Magie sein“

Allerdings gebe es auch in christlichen Kreisen mitunter magisches Denken, wenn Gebete wie eine Art Wunschmaschine verstanden würden, sagte der Theologe, dessen Podcastbeiträge „secta.fm“ regelmäßig mehr als 10.000 Aufrufe haben. „Unsere Antwort auf die Unsicherheit in der Welt sollte nicht Magie sein, sondern die Zusage Gottes, dass er uns in unserem Leid begleitet.“