Soziologe fordert Kompromisslösung im VW-Konflikt

Soziologe fordert Kompromisslösung im VW-Konflikt
In der angespannten Situation bei Volkswagen plädiert der Göttinger Arbeitssoziologe Martin Kuhlmann für einen fairen Interessenausgleich zwischen Management und Belegschaft. Ein Erfolg könnte das Vertrauen in Wirtschaft und Politik stärken.
10.07.2026
epd
epd-Gespräch: Von Daniel Behrendt

Göttingen (epd). Der Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen, Martin Kuhlmann, sieht in der aktuellen Krise des Volkswagen-Konzerns eine fundamentale Herausforderung für den Interessenausgleich von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Um eine weitere Verunsicherung der Beschäftigten und der Öffentlichkeit zu verhindern, müssten alle Beteiligten nun zügig eine wirtschaftlich und sozial tragfähige Kompromisslösung anstreben. „Nur wenn alle die Gewissheit haben, dass sie etwas gegeben und zugleich etwas bekommen haben, ist es eine brauchbare Lösung“, sagte der Arbeitssoziologe dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Sollte es bei VW zu einer Einigung im Sinne eines fairen Gebens und Nehmens kommen, könne dies das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit von Wirtschaft und Politik sogar stärken. Die Gefahr sei jedoch real, dass bei den Beschäftigten der Eindruck entstehe, die „kleinen Leute“ müssten Fehlentscheidungen des Managements ausbaden. Umso wichtiger sei es, anstehende Lasten fair zu verteilen und der Belegschaft Mitwirkungsmöglichkeiten bei den anstehenden Veränderungen einzuräumen, betonte Kuhlmann.

Krise greift tiefer als in den 1990er Jahren

Dass die Unruhe und der Ärger in den Werken derzeit massiv seien, nannte der Wissenschaftler verständlich, da die Arbeitnehmerseite davon ausgegangen war, mit dem bisherigen Sparpaket bereits ausreichende Zugeständnisse gemacht zu haben. Nun stünden deutlich weiterreichende Kostensenkungen und Strukturveränderungen im Raum. Kuhlmann zog Parallelen zur Existenzkrise des Autobauers in den 1990er Jahren, als mit der Einführung der Vier-Tage-Woche neue Wege beschritten wurden. Die gegenwärtige Krise sei allerdings „noch grundlegender als frühere“.

Dass sich die Konzernspitze in der Kommunikation derzeit schmallippig präsentiere und die Öffentlichkeit vorerst keine Festlegungen erfahre, verwundere indes nicht, da die Aushandlungsprozesse hinter den Kulissen in vollem Gange seien. Fairness lasse sich laut Kuhlmann nicht von außen vorgeben, sondern müsse im Miteinander zwischen Vorstand, Betriebsrat und Gewerkschaften erstritten und ausgehandelt werden. Gerade bei Volkswagen habe die Mitbestimmung allerdings Tradition - und immer wieder auch in krisenhaften Situationen zu tragfähigen Lösungen geführt.

Berichte über Schließung von vier Standorten

Am Donnerstag war eine Aufsichtsratssitzung des Autobauers ohne konkrete Ergebnisse zu Ende gegangen, nachdem das Kontrollgremium ein vom VW-Vorstand vorgelegtes Sparpaket abgelehnt hatte. Unsicherheit in der Belegschaft hatte unter anderem ein Bericht des „Manager Magazins“ ausgelöst, wonach die Konzernführung den weltweiten Abbau von bis zu 100.000 Stellen und die Schließung der Standorte in Hannover, Emden und Zwickau sowie der Audi-Produktion in Neckarsulm vorsieht.