Stade, Kassel (epd). Angesichts der tödlichen Gewalttat in Stade unterstreicht der Soziologe Dirk Pörschmann die Bedeutung von kirchlichen Räumen und Ritualen für gemeinsames Trauern nach Katastrophen. Kirchen verfügten über eine historisch gewachsene Ritual-Kompetenz und Glaubwürdigkeit, sagte der Trauer-Experte dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Als soziale Wesen ist es für Menschen wichtig, in einer solchen Ausnahmesituation nicht allein zu sein und kollektiv trauern zu können.“ Pörschmann leitet das Museum für Sepulkralkultur in Kassel, das sich mit Tod und Trauer beschäftigt.
Menschen stehen zusammen
„Der Tod ist die brutalstmögliche Erschütterung, die wir im Leben erfahren“, sagte Pörschmann. Diese Erfahrung löse ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht aus. „Kollektiv zu trauern, zu sehen, dass meine Mitmenschen, sogar die, die ich nicht kenne, mit mir fühlen, hilft dabei, ein Stück aus dieser Ohnmacht herauszutreten.“
Dass Trauer- und Gedenkzeremonien häufig in Kirchen stattfinden, sei der tiefen Verwurzelung der Menschen in kirchlichen Ritualen geschuldet. „Das ist seit 2.000 Jahren eine anthropologische Konstante“, sagte der Kunsthistoriker und Soziologe.
Innere Räume öffnen
In Trauer- und Gedenkgottesdiensten gelingt es Pörschmann zufolge, „innere Räume zu öffnen“. Das liege auch an der Qualifikation und dem Glauben von Pastoren und Seelsorgern. „Sie überwinden die Sprachlosigkeit, die wir alle in diesen Momenten empfinden.“
Zwar wüssten auch Pastoren, dass es keine Worte gibt, die das Unfassbare greifen und trösten könnten. „Der Wortlaut ist auch gar nicht entscheidend, aber die Kirchenvertreter sind für die Menschen in diesen Momenten authentisch, sie vertrauen ihnen und ihrer Autorität.“
Der Mensch sei ein trostsuchendes Wesen, sagte Pörschmann in Anlehnung an den Philosophen Georg Simmel (1858 - 1918). Dieser habe beschrieben, dass man das Leiden, das durch den Tod und Verlust eines Menschen entstehe, an sich nicht ändern könne. Doch der Mensch sei in dieser Situation zusätzlich damit belastet, „am Leiden zu leiden“. An dieser Stelle könne Trost ansetzen - „durch Umarmungen, Natur, Musik oder Religion.“
Sich als fühlender Mitmensch zeigen
Die Gewalttat in Stade zeigt laut Pörschmann, wie wichtig es sei, dass sich die Menschen Trauernden gegenüber mitfühlend zeigten. Nicht nur bei solchen Taten, sondern auch im Kleinen, wenn der Nachbar stirbt, die Kollegin trauert. „Seien sie da, zeigen Sie, dass sie den Verlust wahrnehmen - das sind kleine Zeichen, die einen großen Unterschied machen.“
Am Montag waren nach Polizeiangaben in einem Mutter-Kind-Heim in Stade sechs Menschen getötet worden. Ein 45-jähriger Tatverdächtiger sitzt in Untersuchungshaft; die Staatsanwaltschaft wirft ihm sechsfachen Mord vor. Bei den Getöteten handelte es sich der Polizei zufolge um vier Frauen und zwei Männer aus der Jugendhilfe. In der evangelischen St.-Wilhadi-Kirche in Stade und der evangelischen Marktkirche in Hannover kamen bei Andachten in Reaktion auf die Tat insgesamt rund 1.400 Menschen zusammen, um gemeinsam zu trauern.




