Politologin: Wissenschaft braucht Rückhalt der Gesellschaft

Politologin: Wissenschaft braucht Rückhalt der Gesellschaft
Die Wissenschaftsfreiheit ist aktuell von vielen Seiten bedroht, wie die Gießener Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève darlegt. Es gebe persönliche Angriffe gegen Forschende. Auch finanzielle Kürzungen setzten die Wissenschaft unter Druck.
29.06.2026
epd
epd-Gespräch: Stefanie Walter

Gießen (epd). Weltweit nehmen nach Aussage der Gießener Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève Angriffe gegen die Wissenschaftsfreiheit zu - deshalb fordert sie einen „Weckruf“ in Hochschulen, Politik und Gesellschaft. „Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass wir Wissenschaft für unsere Gesellschaft, die Kultur, die Wirtschaft, den Wohlstand und die Politik benötigen“, sagte de Nève dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Die aktuellen Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit gestalteten sich sehr vielfältig, „mal subtiler, mal rabiater“. So gebe es persönliche Angriffe insbesondere gegen Forschende in den Geschichtswissenschaften, der Geschlechterforschung, der Medizin und den Rechtswissenschaften. „Wissenschaftler werden auch mit Verschwörungserzählungen angegriffen. Ihnen wird etwa unterstellt, Daten zu fälschen oder im Auftrag von irgendjemandem zu arbeiten.“

Viele Kosten müssen durch Drittmittel gedeckt werden

Eine weitere, ebenfalls weitverbreitete Form der Wissenschaftsfeindlichkeit stelle das schlichte Ignorieren wissenschaftlicher Fakten dar, etwa in Bezug auf die Klimaerhitzung, Integrationsfragen, Bildung und demografischen Wandel. „Auch beim Provozieren finanzieller Engpässe und den Kürzungen im Hochschulbereich handelt es sich um Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit.“ Die Universitäten müssten bereits mehr als ein Drittel ihrer Kosten durch die Einwerbung von Drittmitteln decken. „Wer den Hochschulen den Geldhahn zudreht, setzt damit die Forschung und Lehre zusätzlich unter Druck.“

Es existierten bestimmte Konjunkturen, wie einzelne Wissenschaftsdisziplinen nachgefragt werden, erläuterte de Nève. So gebe es zurzeit zum Beispiel nur wenige Studierende in der Slawistik, den Islamwissenschaften oder der Theologie. „Wir alle aber wissen, dass das Expertisen sind, auf die wir angesichts der aktuellen Weltlage nicht einfach verzichten können.“ Wer über die Nützlichkeit von Wissenschaft nachdenke, sollte langfristige und zivilisatorische Aspekte in den Blick nehmen, forderte die Politologin.

Morddrohungen im Dezember in Marburg

An der Universität Marburg wurden im vergangenen Dezember Schriftzüge mit Morddrohungen gegen eine Wissenschaftlerin entdeckt. In einer Stellungnahme sagte der Marburger Universitätspräsident Thomas Nauss, dass es auf Forschende der Universität in den vergangenen Jahren „wiederholt wissenschaftsfeindliche und antifeministische Angriffe“ gegeben habe.