Berlin (epd). Der scheidende Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, zieht eine gemischte Bilanz seiner Amtszeit. „Dass die Lebensqualität für jüdische Menschen im Vergleich zu vor acht Jahren abgenommen hat, betrübt mich“, sagte Klein dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er habe mitbewirken sollen, „dass jüdische Menschen ganz normal in unserer Gesellschaft leben“, sagte er und ergänzte: „Das ist aus vielerlei Gründen nicht gelungen.“ Positiv sei, dass es anders als vor acht Jahren einen systematischen Umgang damit durch Polizei, Justiz und Verwaltungen gebe.
Als Beispiel für die gesunkene Lebensqualität nannte Klein Angst bei Jüdinnen und Juden davor, offen ihre Identität zu zeigen. Jüdische Familien überlegten auch, ihren neugeborenen Kindern nicht mehr hebräische Namen zu geben, um sie zu schützen: „Das ist besorgniserregend“, sagte Klein, der Ende August Leiter der Vertretung Deutschlands bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris wird.
Linken und muslimischen Antisemitismus unterschätzt
Der Grund für dieses Unsicherheitsgefühl sei, dass Jüdinnen und Juden vielfach kollektiv für die Politik der israelischen Regierung haftbar gemacht würden, sagte der 58-Jährige. Um dagegen zu steuern, „müssen wir klar zwischen jüdisch und israelisch unterscheiden“, sagte Klein. Deutsche Juden hätten erst einmal nichts mit Israel zu tun. Zusätzlich müsse die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland sichtbar gemacht werden. So sei etwa die Gründung eines jüdischen Journalistenverbands, der jüdische Juristenverband und die jüdische Studierendenunion die richtige Antwort, um jüdische Perspektiven in Deutschland sichtbar zu machen.
Klein sagte, der linke und der migrantische Antisemitismus seien vor dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 unterschätzt worden. „Es gab insbesondere von politisch linker Seite eine Hemmung, Antisemitismus von muslimischer Seite anzusprechen, weil man sich nicht der Kritik aussetzen wollte, muslimfeindlich oder rassistisch zu sein“, sagte er. Gerade der islamistische Antisemitismus sei „hochgefährlich“. „Darüber müssen wir sprechen, auch mit Moscheegemeinden“, sagte Klein.
Die Deutsche Islamkonferenz sei nach seiner Ansicht der geeignete Ort für die Bundesregierung, das Thema zu adressieren. „Es ist auch im Interesse von muslimischen Menschen, dass sie nicht unter Generalverdacht gestellt werden“, sagte Klein. Die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime sei nicht antisemitisch eingestellt.




