Bremen (epd). Der Glücksspielforscher Tobias Hayer äußert sich besorgt über eine zunehmende Sichtbarkeit von Wettanbietern bei Sport-Ereignissen wie der Fußball-Weltmeisterschaft. „Ich beobachte eine immer größere Verschränkung von Sport und Wettbranche“, sagte der Wissenschaftler von der Universität Bremen dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Wettanbieter treten als Sponsoren auf, kooperieren mit Sportorganisationen und sind bei Großereignissen allgegenwärtig.“ So sei der Anbieter Betano offizieller „Turnierförderer“ der FIFA-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada.
Durch die massive Werbung werde das Wettgeschäft mit den positiven Eigenschaften des Sports in Verbindung gebracht, also etwa Freude, Spaß und Spannung, führte Hayer aus. „Dadurch geraten Risiken wie Spielsucht und Überschuldung in den Hintergrund.“ Sportwetten würden als normaler, alltäglicher Bestandteil des Sports wahrgenommen.
Hohe Suchtgefahr bei Live-Wetten
Für die Branche sei die Fußball-WM ein enormes Zusatzgeschäft. „Die Wettanbieter verdienen sich ein 13. Monatsgehalt“, erklärte der Forscher. Er verwies auf Angaben des Deutschen Sportwettenverbandes, der während der WM Wetteinsätze von knapp einer Milliarde Euro in Deutschland erwartet. Ein Teil wird vermutlich an illegale Anbieter fließen, wie der Verband einräumt.
Einige Angebote sind nach Ansicht des Wissenschaftlers besonders tückisch. Dazu zähle etwa das WM-Streaming-Angebot des Wettanbieters Tipico, dessen Nutzung an die Eröffnung eines Wettkontos gebunden ist. Dadurch würden Sportfans direkt zu der Wettplattform gelenkt und zu regelmäßiger Wettteilnahme animiert.
Eine hohe Gefahr stellen Hayer zufolge auch sogenannte Live-Wetten dar, bei denen noch nach Spielbeginn auf das Ergebnis gewettet werden kann. Gewinne oder Verluste seien dabei innerhalb weniger Sekunden oder Minuten möglich. „Diese hohe Ereignisfrequenz ist ein großer Risikofaktor für die Entwicklung einer Spielsucht.“
Verbot von Sportwettenwerbung gefordert
Besonders gefährdet, ein kritisches Spielverhalten zu entwickeln, sind Hayer zufolge junge Männer. Auch Menschen mit Migrationshintergrund gerieten statistisch häufiger in einen problematischen Sog. Laut dem Glücksspiel-Survey 2025, den unter anderem die Universität Bremen veröffentlicht hat, leiden in Deutschland etwa 1,2 Millionen Menschen unter einer Glücksspielstörung.
Hayer sprach sich für ein klares Verbot von Sportwettenwerbung bei Sportereignissen aus. „Wir dürfen die kommerziellen Interessen einzelner Unternehmen nicht mehr über die Belange des Gemeinwohls stellen“, sagte er. Ein Verbot müsse auch Trikot- und Bandenwerbung umfassen und sowohl für Fernsehen, Radio und Social Media gelten. Studien zeigten einen klaren Zusammenhang von Glücksspielwerbung und einem größeren Risiko für glücksspielbedingte Schäden.



