Loccum (epd). Der Mannheimer Wirtschaftsprofessor und Ethik-Experte Achim Wambach hat an die Politiker appelliert, stärker langfristige Entwicklungen in den Blick zu nehmen. „In Gesellschaft und Politik fokussieren wir uns gegenwärtig sehr stark darauf, was jetzt das Problem ist oder morgen“, sagte Wambach dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Wir machen Krisenpolitik.“ Das genüge aber nicht. Wambach war einer der Hauptredner bei der Feier zum 80-jährigen Bestehen der Evangelischen Akademie Loccum in Niedersachsen am Wochenende.
„Die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind langfristiger Natur“, betonte der Volkswirt, der auch dem Deutschen Ethikrat angehört. Als große Themen der Zukunft nannte er den demografischen Wandel mit seinen Folgen für Rente und Gesundheit, die Erderwärmung, die geopolitischen Spannungen, die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sowie die vermehrten Störungen der wirtschaftlichen Lieferketten etwa durch Pandemien oder Kriege.
Probleme werden gern aufgeschoben
„Dem Diskurs fehlt der langfristige Blick, weil wir uns immer schnell verrennen“, sagte Wambach, der das Mannheimer Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung leitet. Dann verenge sich die Politik auf Einzelfragen wie die Energiepreise. Tiefergehende Fragen dagegen würden gern auf die lange Bank geschoben, weil kein akuter Lösungsdruck bestehe. Zudem schielten viele Politiker schon auf bevorstehende Wahlen.
Gefragt seien Innovationen und Investitionen, um auch in Zukunft an der Spitze zu sein, sagte der Wissenschaftler. „Wir verdienen unseren Wohlstand aus unseren Patenten, aus unseren Erfindungen und aus der Forschung heraus.“
Auch Wähler tragen Verantwortung
Auch die Wähler trügen eine Mitverantwortung. Sie dürften nicht nur an morgen denken. „Es liegt also auch ein bisschen an uns“, mahnte Wambach.
Erschwert werde der langfristige Blick durch den technologischen Wandel. „Wir wissen nicht, wie die Wirtschaft und die Gesellschaft in zehn oder zwanzig Jahren aussehen“, sagte der Professor: „Wer hätte vor 15 Jahren gewusst, dass wir so viele Smartphones benutzen?“ Auch überforderten manche langfristigen Probleme die Vorstellungskraft des Einzelnen, etwa bei der Suche nach einem Endlager für Atommüll.
Kirchen denken von Natur aus langfristig
Deswegen seien Institutionen wichtig. „Die denken langfristig, die haben Studien über die nächsten 50 Jahre oder 100 Jahre.“ Natürlich könne niemand die Zukunft genau vorhersehen. „Aber den Blick dahin zu werfen, ist schon wichtig.“ An diesem Punkt spielten die Kirchen eine wichtige Rolle, betonte der Ethik-Experte: „Sie sind die Instanzen, die von Natur aus langfristig denken und einen langen Atem haben.“



