Nachbarschaftsforscher: Wir brauchen Treffpunkte ohne Konsumzwang

Nachbarschaftsforscher: Wir brauchen Treffpunkte ohne Konsumzwang
Nachbarschaft trägt durch Krisen - doch ihr Potenzial bleibt oft ungenutzt. Der Soziologe Sebastian Kurtenbach erklärt, warum Begegnungsorte wichtig und gleichzeitig bedroht sind.
18.05.2026
epd
epd-Gespräch: Dieter Sell

Münster (epd). Nachbarschaftliche Netzwerke sind nach den Worten des Sozialwissenschaftlers Sebastian Kurtenbach gerade in Krisenzeiten eine wichtige Säule für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Während soziale Ungleichheit und politische Polarisierung zu einer Zersplitterung der Gesellschaft führten, werde oft übersehen, dass Nachbarschaft im Alltag ein großes Solidarpotenzial berge, sagte der Professor für Politikwissenschaften an der Fachhochschule Münster dem Evangelischen Pressedienst (epd). Am 29. Mai soll bundesweit mit dem „Tag der Nachbarschaft“ das Miteinander in der Straße und im Quartier gefeiert werden.

Allerdings werde das Potenzial, das in Begegnungen zwischen Nachbarn liege, über das Jahr nicht genug gepflegt. „Das sehe ich mit Sorge“, sagte der Wissenschaftler. Begegnungsorte wie Nachbarschaftszentren, Büchereien oder Parks seien für das Mit- und Nebeneinander wesentlich, litten aber unter mangelnden finanziellen Ressourcen und der Kommerzialisierung öffentlicher Flächen. Sie würden oft geschlossen oder in ihren Öffnungszeiten eingeschränkt.

Soziale Treffpunkte wichtig

„Damit gehen Orte von Gemeinschaft verloren, da riskieren wir Zusammenhalt“, warnte der Politologe und Soziologe. „Wir brauchen einladende soziale Treffpunkte ohne Konsumzwang.“ Das sei wichtig, denn trotz der zunehmend fragmentierten Gesellschaft funktioniere gerade die Nachbarschaft in Deutschland „noch ganz gut“, eskalierende Probleme seien selten, betonte Kurtenbach.

„Empirische Untersuchungen zeigen, dass die Mehrheit der Menschen mit ihrer Nachbarschaft zufrieden ist und nachbarschaftliche Kontakte pflegt“, sagte Kurtenbach. Nachbarschaft sei der unscheinbare Riese der demokratischen Kultur, eine leistungsfähige Ressource zur Krisenbewältigung, ein Identitätsangebot und eine Möglichkeit, Solidarität zu erfahren: „In der Nachbarschaft wird Demokratie im Alltag erprobt, das klappt ziemlich gut.“

Oft digital vernetzt

Dabei sei die digitale Vernetzung mittlerweile weitverbreitet, auf dem Land stärker als in urbanen Räumen, ergänzte Kurtenbach. „Über 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung ist mittlerweile digital mit Nachbarn im Kontakt.“

Geschlossene digitale Nachbarschaftsnetzwerke wie nebenan.de seien ein Instrument, um Kontakte in der Nachbarschaft zu erschließen, aber nicht, um sie aufrechtzuerhalten. „Dafür werden dann Messenger-Services wie WhatsApp genutzt.“ Allerdings sei die digitale Kommunikation in erster Linie Mittel zum Zweck: „Zentral bleibt die direkte nachbarschaftliche Begegnung.“