Ludwigshafen, Groß-Umstadt (epd). Ein sonniger Frühlingstag, eine Gruppe von mehr als 20 Erwachsenen jeden Alters ist zu einem Spaziergang zwischen blühenden Wiesen und Obstbäumen rund um Groß-Umstadt im hessischen Odenwald unterwegs. Die Frauen und Männer unterhalten sich, die Stimmung ist gut, auch wenn der Anlass des Treffens ein trauriger ist: Die Spaziergänger sind einer Einladung des Ökumenischen Hospizvereins Vorderer Odenwald gefolgt, der seit drei Jahren zu Trauerspaziergängen einlädt.
Es habe sie große Überwindung gekostet, sich den Spaziergängern anzuschließen, räumt eine Frau ein, deren 16-jährige Tochter vor knapp einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Sie habe im Vorfeld gewusst, dass sie eine der wenigen sein wird, die das eigene Kind verloren haben. Dennoch tue die Gemeinschaft gut und das Gefühl „du bist nicht allein“. Auch für ein Lachen werde niemand verurteilt, fügt sie hinzu.
In der Bewegung sind offenere Gespräche möglich
Der Kontakt zu anderen Betroffenen und das Gespräch tue Trauernden gut, sagt die ehrenamtliche Trauerbegleiterin Heidi Naumann. Bei den Spaziergängen seien sie draußen in der Natur und in Bewegung, dabei könnten sie offener sprechen. „Das mildert das Leid ab“, schildert ein älterer Herr die emotionalen Folgen.
Eine Frau trauert um ihren Verlobten, den Vater ihrer Tochter. Er ist 2021 gestorben. Ihre Stimme wackelt ein wenig, als sie das erzählt. Der Austausch mit anderen allerdings hilft ihr: „Wir sind verbunden in der Zeit, in der wir laufen. Das macht mich glücklich“, betont sie und lächelt zaghaft.
Gemeinsames Kochen kann seelisch aufbauen
Gemeinschaft spielt auch eine große Rolle beim „Kochtreff für trauernde Männer“ des Fördervereins Hospiz und Palliativ in Ludwigshafen. Einmal im Monat kommen Männer im Alter zwischen 50 und 85 Jahren in der Lehrküche des Zentrums für ambulante Rehabilitation am St. Marienkrankenhaus zusammen. Das gemeinsame Kochen und Essen könne die Männer seelisch aufbauen und ihnen Kraft geben, erläutert Dietmar Breininger.
Der Trauerbegleiter leitet den Treff gemeinsam mit seiner Kollegin Renate Ladwig. Wenn die Ehefrau tot sei, verlören viele Männer alle sozialen Kontakte, berichtet die Ernährungsberaterin. Ihr sind der gesundheitliche und der soziale Aspekt wichtig: Wenn die trauernden Männer auf dem Markt einkauften, fänden sie wieder Kontakt zu anderen Menschen und gutes Essen diene ihrer Gesundheit und fördere die Lebensqualität.
In der Gemeinschaftsküche stehen an diesem Abend Gemüse-Kartoffelpuffer auf dem Speiseplan. Friedrich rührt den Quark mit Milch an, gibt etwas Kresse hinein. „Wie viele Löffel Quark soll ich nehmen, drei oder vier?“, fragt er. Ladwig schaut ihm über die Schulter: „Ist egal, es kann nichts passieren, es muss einfach schmecken“, sagt sie. Klaus reibt währenddessen Kartoffeln, Karotten und Pastinaken klein und gibt die grün-gelbliche Masse in die Pfanne. Das Öl zischt, schnell verbreitet sich ein leckerer Duft.
Klassische Rollenverteilung war oft selbstverständlich
Die Männer eint die Trauer um ihre verstorbenen Partnerinnen oder Partner - und der Wunsch, wieder unter Menschen zu kommen. Der 84-jährige Friedrich verlor vor zwei Jahren seine Frau. In der Familie habe die klassische Rollenverteilung seiner Generation geherrscht, sagt der Senior: Der Mann ging zur Arbeit, die Frau war für Haushalt und Familie zuständig.
„Ich habe nichts gemacht, ich war zu bequem“, gesteht Friedrich, der sich nach dem Tod seiner Frau mit Tiefkühlkost oder einem schnellen Imbiss behalf. „Ich hätte mehr Anerkennung zeigen sollen“, sagt er nachdenklich, „alles war selbstverständlich.“
Viele hinterbliebene Männer gerade im höheren Lebensalter seien im Alltag überfordert, auch weil ihre verstorbenen Frauen ihnen vieles abgenommen hätten, sagt Breininger. „Viele scheitern an den einfachsten Dingen: Wäsche waschen, Haushalt machen und Kochen.“
Rausgehen und neue Leute kennenlernen
Die Frau von Klaus starb vor zweieinhalb Jahren an Weihnachten. „Ein schlimmer Tag“, sagt der 71-jährige Pfälzer bitter. Das Kochen mit den anderen Männern, denen es wie ihm gehe, tue ihm gut: „Ich wollte raus, neue Leute kennenlernen.“
Schließlich sitzen alle am Tisch, lassen sich die Puffer mit Quark und Feldsalat schmecken. Irgendwann will er seine Familie zum Essen einladen, sagt Friedrich: „Das Leben schmeckt wieder.“




