Düsseldorf (epd). Die Stiftung Auschwitz-Birkenau will zu Forschungs- und Erinnerungszwecken weiterhin historisch wertvolle Dokumente von Opfern des NS-Regimes kaufen, die im Internet angeboten werden. Es sei wichtig, Geschichten von Opfern und von Überlebenden zu erhalten und zugänglich zu machen, deren Namen ausgelöscht werden sollten, sagte der Generaldirektor der in Warschau ansässigen Stiftung, Wojciech Soczewica, am Donnerstag in Düsseldorf dem Evangelischen Pressedienst (epd). Den Vorstoß des Landes Nordrhein-Westfalen, den kommerziellen Handel mit Dokumenten und Gegenständen von Opfern des NS-Regimes zu verbieten, unterstützt die Stiftung.
Die NRW-Landesregierung will am 8. Mai ein entsprechendes Gesetzesvorhaben in den Bundesrat einbringen. Verboten werden soll der geschäftsmäßige Handel etwa mit amtlichen Dokumenten, Briefen, Tagebüchern sowie persönlichen Gegenständen und Kleidungsstücken. Es gelte, „diesen geschmacklosen Geschäften einen Riegel vorzuschieben“, sagte NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne). Ausnahmen sollen für Museen, Archive und Bibliotheken sowie für wissenschaftliche Forschung oder historische Aufarbeitung gelten. Im Internet werden nach Angaben der Auschwitz-Stiftung „Abertausende“ Dokumente zum Kauf angeboten.
Menschengeschichten und kleine Wunder
Ein solches Gesetz könne „den platten und billigen Handel an den Meistbietenden“ unterbinden und zugleich Erinnerungsstätten und Museen einen dauerhaften Erwerb authentischer Dokumente ermöglichen, erklärte die Stiftung. Dies trage dazu bei, die Schicksale der Opfer und das Handeln der Täter weiter aufzuklären. Mehr als 80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau sei es höchste Zeit, „dass wir uns um diese Menschengeschichten kümmern“, sagte Soczewica. Denn es gebe immer weniger Zeitzeugen und „wir steuern auf eine Zukunft zu, in der es keine Überlieferungen mehr geben wird“.
Bei den Artefakten gebe es manchmal „kleine Wunder“ zu erleben, erklärte Soczewica. So sei unter einer Schuhsohle ein zusammengefalteter Mathe-Test mit dem Namen eines jüdischen Mädchens gefunden worden, das aus Südeuropa nach Auschwitz deportiert wurde, und man wisse nun um ihr Schicksal.
Spendenaktion zur Finanzierung von Ankäufen gestartet
Ausgangspunkt für die bisherigen treuhänderischen Käufe der Stiftung war eine geplante Auktion mit solchen Erinnerungsstücken im November 2025 in Neuss, die bundesweit für Empörung und Proteste gesorgt hatte. Die Auktion durch das Auktionshaus Felzmann war gestoppt worden, die Dokumente wurden mit Spenden angekauft und der Stiftung Auschwitz-Birkenau übergeben. Sie will die Artefakte den 22 Gedenkstätten in Deutschland, Polen, Tschechien, Österreich und den Niederlanden übergeben, in die sie gehören.
Um die Ankäufe aus Neuss und zuletzt auch aus Norwegen zu finanzieren, startete die Auschwitz-Stiftung am Donnerstag eine Spendenaktion gemeinsam mit der Bethe-Stiftung in Köln, die einen Förderschwerpunkt bei Erinnerungskultur setzt: Bis Ende Juli will die Bethe-Stiftung bis zu einem Gesamtbetrag von 60.000 Euro alle Einzelspenden von bis zu 3.000 Euro verdoppeln. Auf diese Weise sollten die Bürgerinnen und Bürger eingebunden werden, sagte Stifter Erich Bethe dem epd. Künftige Ankäufe der Auschwitz-Stiftung sollen sich auf Dokumente aus Auschwitz beschränken.
Patenschaft für NS-Dokumente
Unter den zuletzt erworbenen Artefakten ist ein Dokument eines französischen KZ-Häftlings, für das eine französische Schule in Düsseldorf eine Patenschaft übernehmen will: Sie spendet für das Dokument und erhält dafür ein Zertifikat, das Originaldokument erhält dann die Gedenkstätte. Auf diesem Weg könnten auch künftig Dokumente aufgekauft werden, sagte Soczewica.





