Tag der Arbeit, aber nicht für alle: Forscherin für mehr Inklusion

Tag der Arbeit, aber nicht für alle: Forscherin für mehr Inklusion
Die Frage "Und was machst du so?" entscheidet darüber, ob man dazugehört oder außen vor bleibt. Deshalb mahnt die Bremer Wissenschaftlerin Irmhild Rogalla zum Tag der Arbeit am 1. Mai ein Umdenken bei der Inklusion an.
28.04.2026
epd
Von Annette Baimler-Dietz epd

Bremen (epd). Mit Blick auf den Tag der Arbeit am 1. Mai fordert die Wissenschaftlerin Irmhild Rogalla mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt. Für sie sei der Zugang zu qualifizierten Jobs nach wie vor von Barrieren geprägt, sagte die Leiterin des Instituts für Digitale Teilhabe an der Hochschule Bremen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Gleichberechtigte Möglichkeiten am ersten Arbeitsmarkt förderten nicht nur die finanzielle Autonomie von Betroffenen, sondern vermittelten ihnen Anerkennung und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit.

Rogalla weiß aus eigener Erfahrung, was dieser Kampf bedeutet. Seit ihrer Kindheit war sie schwerhörig und ertaubte 2005 vollständig. Seither arbeitet sie mit Gebärdensprachdolmetscherinnen. „Wenn ich mich nicht selbst um Barrierefreiheit kümmere, beispielsweise auf Tagungen, passiert nichts“, berichtete sie.

Fast jede zehnte Person lebt mit einer Schwerbehinderung

Die Relevanz des Themas werde oft unterschätzt, betonte Rogalla. Rund 9,3 Prozent der Menschen in Deutschland leben mit einer Schwerbehinderung, nur drei Prozent davon seit ihrer Geburt. Die meisten erwerben eine Behinderung durch Krankheit, Unfall oder Alter. „Es kann also jeden treffen“, sagte Rogalla.

In der Gesellschaft herrsche häufig eine „Reparaturperspektive“ vor. Technik solle Defizite ausgleichen, gehe aber häufig an den realen Bedürfnissen vorbei - etwa bei Roboterhänden, die das Fingeralphabet beherrschen, obwohl Gebärdensprache weit mehr beinhalte. „Für die Betroffenen entsteht schnell das Gefühl: Jetzt habt ihr doch alles, jetzt müsst ihr auch funktionieren“, erläuterte die Wissenschaftlerin. Der gesellschaftliche Druck steige, während die systemischen Hürden fortbestünden. Dies beginne bereits im Bildungssystem, etwa bei der Ausstattung von Schulen für die Inklusion. Wer mit einer Behinderung aufwachse, trage dieses Päckchen ins Berufsleben weiter.

Fachkräftemangel als Treiber für Barrierefreiheit

Angesichts des Fachkräftemangels könne es sich der Arbeitsmarkt kaum noch leisten, Potenziale ungenutzt zu lassen, sagte Rogalla. Laut der Unternehmensberatung McKinsey fehlten 2023 allein im öffentlichen Dienst rund 39.000 IT-Fachkräfte, bis 2030 könnten es 140.000 sein. Barrierearme Software und inklusive Arbeitsstrukturen könnten einen Beitrag leisten, um Fachkräfte zu gewinnen.

Am Institut für Digitale Teilhabe an der Hochschule Bremen arbeiten Menschen mit Behinderung an der Entwicklung von Lösungen für die öffentliche Verwaltung, führte Rogalla aus. Sie seien Experten für ihre Bedarfe, denn technische Neuerungen seien oft nicht barrierefrei. So seien Menschen mit Sehbehinderung in vielen Bereichen von der Digitalisierung ausgeschlossen.