Medizinethiker: Zuhören macht Therapien wirksamer

Medizinethiker: Zuhören macht Therapien wirksamer
Für eine Arzt-Patienten-Beziehung auf Augenhöhe
Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio ist ein Kritiker eines technikaffinen und ökonomisierten Gesundheitssystems. In seiner jüngsten Veröffentlichung setzt er sich mit dem Wert des Zuhörens in der Medizin auseinander.
14.04.2026
epd
epd-Gespräch: Susanne Lohse (epd)

Freiburg (epd). Gespräche kommen nach Ansicht des Medizinethikers und Philosophen Giovanni Maio aus Freiburg im heutigen Medizinbetrieb zu kurz. Dabei sei Zuhören eine zentrale Kompetenz, sagte der Professor dem Evangelischen Pressedienst (epd). Maio ist Herausgeber des neu aufgelegten, im März im Herder Verlag (Freiburg) erschienenen Sammelbandes „Zuhören. Grundreflexionen zu einer besonderen menschlichen Leistung“.

Statt Patientinnen und Patienten zu Wort kommen zu lassen, würden ihre Beschwerden oft vorschnell eingeordnet und kategorisiert, kritisiert der 61-Jährige. Für die Wirksamkeit einer ärztlichen Behandlung gehe es nicht nur darum, herauszufinden, welche Krankheit jemand habe, sondern auch, wer er als Person sei. Während Diagnosen durch Untersuchungen und Messwerte entstehen, könne die persönliche Situation eines Menschen nur durch Zuhören verstanden werden, so Maio.

Ohne Gespräch und Vertrauen bleiben Therapien oft wirkungslos

Gute Medizin erfordert nach seiner Auffassung daher beides: das objektive Erfassen von Befunden und das ernsthafte Interesse am subjektiven Erleben von Krankheit. Zuhören bedeute mehr als Informationsaufnahme - es schaffe eine Beziehung, vermittle Wertschätzung und helfe Patientinnen und Patienten, sich verstanden und weniger allein zu fühlen. Allein diese zwischenmenschliche Ebene kann in den Augen des promovierten Mediziners bereits eine entlastende, teilweise sogar heilende Wirkung haben.

Diagnosen und Fakten seien wichtig, etwa zur Beruhigung oder Einordnung von Beschwerden. Insbesondere bei chronischen Erkrankungen reichten Fakten allein jedoch nicht aus. „Hier braucht es Begleitung, ein Gespräch über den Umgang mit der Krankheit. Ärztliches Handeln bedeutet nicht nur behandeln, sondern auch begleiten“, betonte Maio. Ohne Gespräch und Vertrauen bleibe die Therapie oft wirkungslos, etwa weil Patientinnen und Patienten Empfehlungen nicht umsetzen.

Zeitdruck und ökonomische Anreize fördern eine Art Fließbandmedizin

Maio ist Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg im Breisgau. Zudem ist er Autor und Herausgeber wissenschaftlicher Werke, in denen er sich mit den ethischen Grenzen der Ökonomisierung und der Technisierung der Medizin auseinandersetzt. Für das Medizinstudium fordert er einen stärkeren Fokus auf Interesse, Offenheit und die Bereitschaft, vom Patienten zu lernen. Ärztinnen und Ärzte seien Experten für Krankheiten, Patienten hingegen für ihr eigenes Kranksein.

Ein zentrales Problem sieht der Universitätsprofessor in den Strukturen des Gesundheitssystems: Zeitdruck und ökonomische Anreize förderten eine Art Fließbandmedizin, in der Gespräche zu kurz kommen. Dabei sei gerade das Gespräch Voraussetzung für eine wirksame Therapie und Vertrauen.