Chile: Enteignung von "Colonia Dignidad" von neuer Regierung gestoppt

Chile: Enteignung von "Colonia Dignidad" von neuer Regierung gestoppt
Auf dem Gelände der früheren deutschen Sektensiedlung sollte eine Gedenkstätte entstehen. Die Regierung gibt rein finanzielle Gründe für die Entscheidung an.

Berlin, Santiago de Chile (epd). Die neue ultrarechte Regierung in Chile hat die geplante Enteignung von Teilen der ehemaligen deutschen Sektensiedlung „Colonia Dignidad“ rückgängig gemacht. Das habe rein finanzielle Gründe und sei eine unideologische Entscheidung, sagte der Minister für Wohnraum und Stadtentwicklung, Iván Poduje, der Zeitung „La Tercera“ vom Sonntag (Ortszeit). Ein entsprechendes Dekret zur Aufhebung der Enteignungspläne sei bereits in Erarbeitung.

Damit kippt die seit Anfang März amtierende Regierung von Präsident José Antonio Kast die erst im Juli 2025 beschlossenen Enteignungspläne der abgewählten linken Regierung. In der 1961 vom Deutschen Paul Schäfer gegründeten „Siedlung der Würde“ wurden während der chilenischen Diktatur (1973-1990) hunderte Menschen festgehalten und gefoltert. Über 100 wurden ermordet. Bis heute leben dort ehemalige Sektenmitglieder. Laut den nun gestoppten Plänen sollte auf einem Teil des Geländes eine Gedenkstätte errichtet werden.

Kritik von ehemaligem Sektenmitglied

Minister Poduje sagte, sein Haus wolle die für die Enteignung benötigten Mittel lieber in den Wiederaufbau von Häusern investieren, die bei den Waldbränden vom Januar zerstört wurden. Die Menschenrechtsorganisationen, die eine Enteignung verlangt haben, könnten „ein anderes Ministerium oder internationale Organisationen bitten, das Projekt zu finanzieren“.

Der Menschenrechtsanwalt und ehemaliger Bewohner der „Colonia Dignidad“, Winfried Hempel, kritisierte die Entscheidung. Die von Poduje angegebenen Kosten seien zu hoch veranschlagt, schrieb er auf der Plattform ‚X‘. „Es ist eine Lüge, um Colonia Dignidad weiter bestehen zu lassen.“ Auch der ehemalige Justizminister Jaime Gajardo erklärte auf ‚X‘, „Das ist ein direkter Schlag ins Gesicht des Andenkens an die Opfer der schweren Menschenrechtsverletzungen“.

In der Siedlung waren Zwangsarbeit, Gewalt und sexueller Missbrauch Alltag. Sektengründer Schäfer war wegen sexuellen Missbrauchs aus Deutschland geflohen. 1996 tauchte Schäfer in Chile unter, wurde 2005 gefasst und 2006 zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er starb 2010. Auf dem Gelände der Siedlung wird bis heute Landwirtschaft und Gastronomie mit bayrischem Flair betrieben.