Zwischen Glaubensfest und Reformstau

Zollitsch

epd-bild/Friedrich Stark

Erzbischof Robert Zollitsch bei seiner Predigt im Abschlussgottesdienst des 98. Deutschen Katholikentages in Mannheim.

Zwischen Glaubensfest und Reformstau
Nach dem Missbrauchsskandal verbreitet die katholische Kirche wieder Optimismus. Der am Sonntag zu Ende gegangene 98. Deutsche Katholikentag in Mannheim versteht sich als Signal zu einem neuen Aufbruch. Doch den Reformgruppen ist das nicht genug.

Mit einer großen Gala feierte der 98. Deutsche Katholikentag in Mannheim den Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Rom hatte sich Mitte der 1960er Jahre erstmals der Ökumene geöffnet. Die Fenster zur Welt wurden aufgerissen. Sogar die Abendmahlsgemeinschaft zwischen Katholiken und Protestanten schien zum Greifen nah. "Es war die Erfüllung einer Sehnsucht nach Erneuerung", erinnerte sich Kurienkardinal Walter Kasper, der ehemalige Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, in Mannheim.

Doch für katholische Reformgruppen gab es nichts zu feiern. Die angekündigte Erneuerung sei ausgeblieben, beklagten sie auf einer Mahnwache. Diese Kluft zwischen progressiven Christen und etablierter Kirche prägte auch den Katholikentag, der am Sonntag zu Ende ging. Helmut Schüller von der "Pfarrer-Initiative" in Österreich, einer innerkatholischen Protest-Bewegung, beklagt eine Leitungskrise in der katholischen Kirche. Eine "Glaubenskrise" gebe es dagegen nicht, sagte er am Rande des Katholikentages. Mit einem "Aufruf zum Ungehorsam" hatte Schüller im Juni 2011 bereits in Österreich für Aufruhr in der Kirche gesorgt. Darin wird die Zulassung von Frauen zum Priesteramt gefordert.

Beim Thema Frauen und Kirche wächst die Ungeduld. Das war auf dem fünftägigen Christentreffen spürbar. Nach Ansicht der früheren Präsidentin und ersten Frau an der Spitze des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Rita Waschbüsch, hat das Zweite Vatikanische Konzil "weggefegt, dass Mutter Kirche nur von Männern geführt werden muss." Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) warb in Mannheim dafür, Frauen in der Kirche mehr Aufgaben zuzutrauen. Damit Frauen mehr Mitwirkungsrechte in der Kirche erhielten, braucht es laut Schavan mehr Streitkultur.

Frauen zum Diakonat zulassen?

Der evangelische Landesbischof von Baden, Ulrich Fischer, bezeichnete den Ausschluss von Frauen vom Priester- und Diakonenamt als einen Widerspruch zur Bibel. Die Gleichstellung von Männern und Frauen entspreche der Haltung Jesu, der sich unterschiedslos Männern und Frauen zugewandt habe. "Ich hoffe mit unseren katholischen Schwestern und Brüdern, dass die Zulassung der Frauen zum Diakonat schon bald Wirklichkeit wird."

In der Diskussion um das gemeinsame Abendmahl sind wohl alle Argumente ausgetauscht. "Vielleicht brauchen wir auch ab und zu in den Gesprächen eine Pause, um danach vernünftig weiterzukommen", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Ohnehin, so der katholische Theologieprofessor Otto Hermann Pesch, gibt es vor Ort eine Gastfreundschaft bei Abendmahl und Eucharistie, die "faktisch kein Bischof mehr kontrollieren kann, weil die betroffenen Gemeindeglieder die angeblich ungelösten theologischen Probleme beim besten Willen nicht mehr einsehen". Die Ökumene lebt nach den Worten des evangelischen Kirchentagspräsidenten Gerhard Robbers im Miteinander in den Gemeinden. "Im Kern sind wir doch einig. Darauf kommt es an", sagte Robbers.

Die Veranstalter zogen eine positive Bilanz des Katholikentages. Er habe den Eindruck gewonnen, "wir sind bereits Kirche des Aufbruchs", sagte Erzbischof Robert Zollitsch vom gastgebenden Bistum Freiburg am Samstag. Der Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz sprach von einem "frohen Glaubensfest". Zentralkomitee-Präsident Alois Glück ergänzte: "Wir haben eine lebendige, glaubensstarke und vitale Kirche erlebt." Mit etwa 80.000 Besuchern des fünftägigen Laientreffens seien die Erwartungen übertroffen.

Warnung vor zu viel Sturm und Drang

Vor dem Mannheimer Treffen hatte Zollitsch vor allzu viel Sturm und Drang an der Kirchenbasis gewarnt: Ein Katholikentag sei kein Parteitag oder Beschlussgremium. Für Zollitsch ist der Katholikentag eine Etappe in dem Dialogprozess zwischen Bischöfen und Laien, der im vergangenen Jahr in Mannheim startete und bis 2015 angelegt ist. "Der Dialog kommt voran", gibt sich der Erzbischof überzeugt.

Den einen oder anderen der Bischöfe, die am Katholikentag teilnahmen, dürften die pointierten Wortmeldungen von mehr oder weniger prominenten Laien zum Kurs der Kirche nachdenklich gemacht haben. Und es bewegt sich etwas: Die katholischen Bischöfe wollen auf wiederverheiratete Geschiedene zugehen, die bisher vom Abendmahl ausgeschlossen sind. Erzbischof Zollitsch kündigte an, dass die deutschen Bischöfe im Frühjahr 2013 über die Seelsorge sowie die Teilnahme der Wiederverheirateten am kirchlichen Leben beraten würden.