Ayahuasca fasziniert auch in Deutschland - Kritik von Indigenen

Ayahuasca fasziniert auch in Deutschland - Kritik von Indigenen
Ayahuasca, ein halluzinogener Sud aus dem Amazonas, sorgt auch in Europa für Faszination. Doch der Konsum der in Deutschland verbotenen Droge ist nicht ungefährlich - und indigene Gemeinschaften sehen eine Vereinnahmung kritisch.

Frankfurt a.M. (epd). Reiseanbieter wie „tripaneer“ werben mit einer tieferen „Verbindung mit sich selbst und der spirituellen Welt“, Retreat-Zentren in Deutschland laden zur Selbsterkundung ein: Ayahuasca sorgt in Europa und den USA für Faszination.

Auch Anna, die ihren richtigen Namen nicht öffentlich nennen will, hat den bräunlichen Sud schon zu sich genommen. „Ich kenne niemanden, der Ayahuasca nimmt, weil er einen krassen Trip haben möchte“, sagt die Ende 30-jährige Ärztin. Es gehe für die meisten eher darum, sich „mit sich selbst zu beschäftigen und mit den eigenen Prozessen ein Stückchen weiterzukommen.“

Ursprung in Südamerika

Vor ihrer ersten Ayahuasca-Zeremonie 2021 habe sie unter Angst- und Anpassungsstörungen gelitten und überlegt, Antidepressiva zu nehmen. Seitdem hat Anna an drei weiteren Zeremonien teilgenommen - und Ayahuasca als Weg entdeckt, um sich selbst besser kennenzulernen und mental gesünder zu werden. „Heilung besteht nicht darin, den Schmerz abzuschaffen“, sagt sie. Man müsse „durch ihn hindurchgehen“. Dabei gebe es „immer Momente, die grausam sind“. Einmal habe sie sich wie versteinert gefühlt, nicht mehr atmen können und „fast das Gefühl gehabt, jetzt sterben zu müssen“.

Die Ursprünge von Ayahuasca liegen in südamerikanischen Ländern wie Peru, Brasilien oder Ecuador. Dort wird der Sud seit Jahrhunderten von Indigenen als Teil religiöser Rituale und zu spirituellen Zwecken verwendet. Seit den 1990er Jahren hat sich laut dem Psychologen und Psychotherapeuten Tom John Wolff ein „psychedelischer Ethnotourismus“ in Südamerika entwickelt. Vor allem Menschen aus Nordamerika und Europa ziehe es in das Amazonasbecken, um den stark halluzinogenen Trank einzunehmen - in sogenannten Heilungszentren oder auf eigene Faust, schreibt Wolff.

Krankenkasse warnt

Gewonnen wird Ayahuasca aus den Zweigen einer Liane (Banisteriopsis Caapi) und Blättern der Chacruna-Pflanze (Psychotria viridis). Diese enthalten den halluzinogenen Wirkstoff DMT und sind für die psychedelischen Effekte verantwortlich, wie der Toxikologe und Suchtforscher Fabian Steinmetz erklärt. „Die Wirkung lässt sich durchaus mit LSD oder halluzinogenen Pilzen vergleichen“, sagt er. Neben Visionen, dem Verlust des Egos oder des Zeitgefühls rufe Ayahuasca auch Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall hervor.

Die AOK warnt außerdem davor, dass Ayahuasca starke Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System habe, was bis zur Ohnmacht führen könne. Auch könnten Krampf- und Erstickungsanfälle auftreten, die im schlimmsten Fall lebensbedrohlich seien.

Konsum „weitestgehend im Dunkelfeld“

In Deutschland ist der Besitz und Handel mit DMT verboten. Wie viele Menschen Ayahuasca konsumieren, sei schwierig zu ermitteln, sagt Steinmetz. Der Konsum bleibe „weitestgehend im Dunkelfeld“. Es sei jedoch anzunehmen, dass Retreat-Besuche und auch sogenanntes „Home-Brewing“ über die vergangenen Jahrzehnte zugenommen habe.

Auch Steinmetz zufolge ist die Einnahme von Ayahuasca nicht ungefährlich. Das „Risiko für psychotische oder depressive Episoden“ sei nicht zu unterschätzen. Umgekehrt gebe es aber „auch viele Hinweise, dass Ayahuasca bei genau solchen psychiatrischen Pathologien helfen kann“.

Kritik von Indigenen

Laut einer Studie von Neurowissenschaftlern an der staatlichen Universität im brasilianischen Natal kann Ayahuasca „signifikante antidepressive Wirkungen“ bei Menschen haben, die unter Depressionen leiden. Für die 2018 erschienene, nicht repräsentative Studie wurden die Teilnehmenden für sieben Tage nach der Einnahme untersucht. Bereits an den ersten beiden Tagen hätten sie weniger Symptome einer Depression als die Placebo-Kontrollgruppe. Am siebten Tag nach der Einnahme war der Unterschied am größten.

Doch der Versuch, Ayahuasca auch für medizinische Zwecke einzusetzen, stößt in der indigenen Community auf Kritik, wie die anthropologische Studie „Healing Encounters“ des European Research Council ergab. Die Renaissance psychedelischer Substanzen in der Biomedizin berge die Gefahr der Entfremdung von deren traditionellen Ursprüngen, mahnt die Anthropologin Emilia Sanabria.