Frauenrat kritisiert Arbeitszeit-Debatten als Weg in die "Steinzeit"

Frauenrat kritisiert Arbeitszeit-Debatten als Weg in die "Steinzeit"
Kritik an der "Lifestyle-Teilzeit" und Pläne zur Abschaffung des Acht-Stunden-Tags stoßen beim Deutschen Frauenrat auf Unverständnis. Diese Diskussion verkenne die Überbelastung von Frauen, sagt die Vorsitzende Beate von Miquel.
06.03.2026
epd
epd-Gespräch: Christina Neuhaus

Berlin (epd). Der Deutsche Frauenrat kritisiert die politische Debatte über Arbeitszeiten. So wäre die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags, wie sie im Koalitionsvertrag vereinbart ist, „ein gleichstellungspolitischer Fehlschluss“, sagte die Vorsitzende Beate von Miquel dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Das Gleiche gilt für die Pläne, Überstunden von Vollzeitbeschäftigten steuerlich zu begünstigen, und für die jüngsten Debatten über die angebliche Lifestyle-Teilzeit.“

All diese Ideen gingen „komplett an der Realität von Frauen vorbei, die in viel größerem Maße als Männer Sorgeverantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige übernehmen und dies mit ihrem Job vereinbaren müssen“, kritisierte von Miquel. „An dieser extremen Überbelastung von Frauen ändern solche Debatten nichts - im Gegenteil: Sie führen zurück in die gleichstellungspolitische Steinzeit.“

Anreize für das „klassische Modell“

Wer wolle, dass Frauen mehr Erwerbsarbeit leisten, müsse die Rahmenbedingungen verbessern, statt Frauen unter Druck zu setzen, mahnte die Frauenratsvorsitzende. Das gelte für viele Bereiche „vom Steuerrecht bis zur Kinderbetreuung“.

Das Argument, dass die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit in Paarbeziehungen Privatsache sei, wies von Miquel zurück. „Es ist ja nicht so, dass Frauen sich für das klassische Modell entscheiden, weil sie das so toll finden“, sagte die evangelische Theologin und Historikerin. „Sondern in Deutschland haben wir eben Anreize, die dafür sorgen, dass dieses Modell besonders gut funktioniert.“ Genau da liege deshalb auch der Hebel, um die Situation von Frauen am Arbeitsmarkt zu verbessern.

Dafür seien durchaus Investitionen nötig, zum Beispiel in die Betreuungsinfrastruktur, sagte von Miquel. „Aber dafür bekommt man auch etwas, nämlich nicht nur mehr Gleichstellung, sondern auch mehr Wirtschaftswachstum.“

Gleichstellung hilft auch Männern

Von Miquel warnte davor, Gleichstellung als „weiches“ Thema zu behandeln, das in der gegenwärtigen Weltlage hintanstehen könne. Es handele sich um „eines der härtesten Konfliktfelder, die wir haben“. Auch lasse sich das Thema „gar nicht bewusst zurückzustellen, weil es eben überall mit drinsteckt“.

In der Wirtschaftspolitik werde dies besonders gut sichtbar, führte von Miquel aus. „Was den Frauen bei ihrer ökonomischen Eigenständigkeit und Selbstbestimmung hilft, ist gut für die Wirtschaft und das Land insgesamt.“ Gleichzeitig könnten Männer mehr Sorgeverantwortung übernehmen und hätten damit mehr Wahlfreiheit. „Die alten gesellschaftspolitischen Weichenstellungen verstellen leider oft den Blick darauf, welche gesamtgesellschaftlichen Chancen in der Gleichstellung der Geschlechter liegen“, resümierte von Miquel.