Rotes Kreuz: Infrastruktur der Ukraine am Kipppunkt

Rotes Kreuz: Infrastruktur der Ukraine am Kipppunkt
Die Menschen in der Ukraine leiden seit vier Jahren unter den Folgen des russischen Angriffskriegs. Auch die Energie-Infrastruktur ist an einem kritischen Punkt, sagt Christof Johnen vom Deutschen Roten Kreuz.
20.02.2026
epd
epd-Gespräch: Renate Haller

Frankfurt a.M., Berlin (epd). Vier Jahre nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine verschärft sich laut dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) in der Ukraine neben der humanitären Lage auch die der Energie-Infrastruktur. Seit dem vergangenen Sommer hätten sich die Angriffe auf die Energieversorgung intensiviert, wodurch sich der Zustand vieler Anlagen einem Kipppunkt nähere oder ihn bereits erreicht habe, sagte der DRK-Leiter für Internationale Zusammenarbeit in Berlin, Christof Johnen, dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Es ist unvorstellbar, was die Reparaturteams leisten“, sagte er. Aber nach wiederholten Angriffen und notdürftigen Reparaturen sei irgendwann ein Punkt erreicht, an dem ein System einfach nicht mehr funktioniere.

Besonders betroffen davon seien die Menschen in den Hochhäusern der Großstädte. Selbst wenn die Fernwärme funktioniere, fielen wegen fehlenden Stroms oft die Pumpen aus, die das warme Wasser zum Heizen in die Wohnungen brächten. „Die Menschen sitzen zum Teil bei zwei bis fünf Grad in den Wohnungen“, beschreibt Johnen die Situation.

Schlimmste humanitäre Lage seit Kriegsbeginn

Der Leiter der Internationalen Zusammenarbeit beim DRK hat vor einigen Tagen Maksym Dotsenko getroffen, den Generaldirektor des Ukrainischen Roten Kreuzes. Er habe die aktuelle humanitäre Lage als die schlimmste seit Februar 2022 beschrieben.

In den vier Jahren hat sich die Arbeit des Roten Kreuzes in der Ukraine verändert. Zunächst ging es nach Johnens Worten um Nothilfe, etwa den Aufbau von Unterkünften für die Binnenvertriebenen sowie die medizinische Evakuierung vor allem alter und pflegebedürftiger Menschen aus dem Osten des Landes.

Beeindruckender Zusammenhalt in der Gesellschaft

Inzwischen gebe es drei Schwerpunkte in der Zusammenarbeit. Zum einen seien 120 mobile Gesundheitsstationen nach einem festen Zeitplan in ländlichen Regionen unterwegs. „Die Menschen wissen dann beispielsweise: Am Dienstagmorgen kommt die Ärztin oder der Krankenpfleger.“ Andere Teams versuchten, die Katastrophenvorsorge voranzutreiben, und als Drittes gebe es die „Emergency Response Teams“ von Freiwilligen. Gemeinsam mit Kräften des staatlichen Katastrophenschutzes retteten sie Menschen aus von Bomben getroffenen Häusern.

Trotz der starken Erschöpfung der Ukrainerinnen und Ukrainer seien sie es, die ihm Hoffnung für die Zukunft machten, sagte Johnen: „Es gibt einen starken Zusammenhalt in der Gesellschaft, das ist beeindruckend.“

Spendenbereitschaft im Vergleich zu anderen Krisen hoch

Die Hilfsbereitschaft in Deutschland sei nach anfänglichen, sehr großzügigen Spenden durch Privatpersonen und Unternehmen innerhalb der vier Jahre zwar abgeflacht. Verglichen mit anderen Krisen etwa im Sudan oder im Nahen Osten sei sie allerdings noch immer hoch. Johnen erklärt sich das mit der räumlichen und menschlichen Nähe: „Es gibt kaum deutsche Schüler, die nicht Schulkameraden aus der Ukraine haben.“