München (epd). Im Norden Kenias werden nach Angaben des katholischen Hilfswerks missio München bis zu 40 Prozent der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, landesweit ist es etwa jedes vierte. Armut sei ein großer Treiber für Zwangsheiraten und Kinderehen, sagte missio-Länderreferent Philipp Stangl dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Alles, was wirtschaftlich nachteilig ist, etwa Dürren, führt zu mehr Zwangsverheiratung.“ Seitdem die Wirtschaft in dem afrikanischen Land schwächele, sei die Zahl der Hochzeiten von Minderjährigen wieder gestiegen.
Fernab der politischen und gesellschaftlichen Zentren seien außerdem lange überlieferte Traditionen und Normen noch sehr stark ausgeprägt und ein weiterer Grund für viele Kinderehen. Auch wenn diese offiziell in Kenia verboten seien, griffen die Gesetze dort oft nicht. „Der soziale Druck ist enorm hoch. In vielen Kulturen steigt das soziale Prestige, der gesellschaftliche Status, wenn man seine Töchter früh verheiratet.“
Besonders betroffen: Mädchen ohne Schulbildung
Besonders betroffen seien ländliche Gebiete im Norden und Nordosten Kenias mit den Regionen Turkana und Marsabit. Die Familien der Bräute erhielten bei der Hochzeit eine hohe Brautpreiszahlung in Form von Geld oder Naturalien, vor allem Vieh. „Das sind oft beträchtliche Beträge“, erklärte der missio-München-Referent. Viele Eltern sähen sich gezwungen, ihre Töchter früh zu verheiraten, weil sie das Geld oder die Tiere zum Überleben bräuchten und nach der Hochzeit ein Kind weniger finanzieren müssten. Mädchen aus den ärmsten Haushalten seien mehr als dreimal so häufig von Frühverheiratung betroffen wie jene aus wohlhabenderen Familien.
Ein eingeschränkter Zugang zu Bildung erhöhe das Risiko einer frühen Heirat erheblich. Mädchen ohne Schulbildung seien dreimal so häufig von Frühverheiratung betroffen wie diejenigen, die eine Grundschulausbildung hätten, sagte Stangl. Diese wiederum seien doppelt so oft betroffen wie jene, die eine weiterführende Schule besuchten.
Mehr Aufklärung und Bildung nötig
Um Kinderehen zurückzudrängen, seien deshalb in erster Linie Bildung und Aufklärung wichtig, sagte Stangl, sowohl für die Mädchen selbst als auch für ihre Eltern. Man müsse die Familien davon überzeugen, dass es sich langfristig auszahle, die Mädchen länger in die Schule zu schicken. Außerdem bräuchten die Menschen wirtschaftliche Perspektiven. Neben den Hilfsorganisationen müsse auch die nationale Regierung die nötigen Strukturen schaffen, sagte Stangl. „Das ist eine Mammutaufgabe.“


