Experte: Im Karneval wird Weltgeschehen kollektiv verarbeitet

Experte: Im Karneval wird Weltgeschehen kollektiv verarbeitet
Beim Karneval geht nach Ansicht des Kölner Therapeuten Wolfgang Oelsner um mehr als Alkohol und Exzess. Mit dem Brauchtum werde das Weltgeschehen kollektiv verarbeitet.
11.02.2026
epd
epd-Gespräch: Nora Frerichmann

Köln (epd). Der Karneval ist laut dem Therapeuten Wolfgang Oelsner auch eine Art kollektive Verarbeitung des Weltgeschehens. Nicht nur in den satirischen Wagenmotiven würden aktuelle Entwicklungen aufgegriffen, sagte der Kölner Pädagoge und Jugendpsychotherapeut dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Die Brauchkultur bietet Handlungsmuster an, wie man sich positionieren und was man tun kann.“ Das könne helfen, wenn man sich handlungsunfähig fühlt und Sorge oder Angst vor den Entwicklungen in der Welt hat. Oelsner hat mehrere Bücher über den Karneval veröffentlicht.

Der Buchautor verwies etwa auf die Karnevalslieder, in denen immer wieder Gemeinschaft, Lebensfreude und Optimismus betont würden. Gemeinsam zu feiern, über Dinge zu sprechen und aktiv zu werden, seien wichtige Elemente sowohl im Karneval als auch bei der Bewältigung von Traumata. In der Feierfreudigkeit und durch den Rollenwechsel mit Kostümen könnten Menschen eine Auszeit vom Alltag und einen Perspektivwechsel finden. „Beim Narrenfest gibt es die unausgesprochene Vereinbarung: Wir schunkeln die Probleme nicht weg, aber wir erlauben uns, die Verhältnisse vorübergehend auf den Kopf zu stellen“, sagte der Karnevalsforscher.

Abstrakte Terrorgefahr: Feiern nicht von Angst verderben lassen

Mit Blick auf die abstrakte Terrorgefahr, auf die Politik und Sicherheitsbehörden immer wieder verweisen, ermuntert Oelsner dazu, sich das Feiern nicht verderben zu lassen. „Sich nur zu verkriechen und in vorauseilendem Gehorsam nichts zu tun, ist nicht zielführend.“ Solche Einschätzungen schwebten aktuell über vielen Veranstaltungen. „Aber es ist wie mit vielem: wenn Sie aktiv reingehen, fühlt es sich anders an, als wenn Sie zu Hause sitzen und sich Gedanken machen“, sagte der Therapeut dem epd. Mitten im jecken Treiben seien „Ängste oft weit weg und der Moment ist schön“.

Auszeiten von der Normalität, wie der Karneval sie schaffe, habe es bereits im alten Rom und Ägypten gegeben, sagte der Karnevalsexperte. Auch heute gebe es verschiedene Arten des Karnevals als „rituelles Spiel mit der Anderswelt“ in den verschiedensten Kulturen. „Es ist ein wunderbares Angebot an jeden Menschen für einen Perspektivwechsel, auch über das Kostüm hinaus“, sagte Oelsner. Solche Möglichkeiten würden nach der Kindheit rar. Im Karneval könnten die Menschen ihre Festlegungen aus dem Alltag spielerisch umgehen und aus diesen Erfahrungen auch Impulse und Inspiration mitnehmen. „Allerdings kippt es ins Destruktive, wenn der spielerische Impuls allein vom Alkohol befeuert wird“, betonte der Karnevalsforscher.