Berlin (epd). Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman ist eine Influencerin. Auf dem TikTok-Kanal „TovaTok“ erzählt sie von den Verbrechen der Nationalsozialisten, der Vernichtung der Juden, der sie entkommen ist. Mehr als 500.000 Follower hat der Kanal, den sie mit ihrem Enkel Aron Goodman betreibt. Ihr Ziel ist es, über den Holocaust aufzuklären und heutigem Antisemitismus etwas entgegenzusetzen. Am Mittwoch wird die 87-Jährige die zentrale Rede bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag halten.
Friedman, die das NS-Vernichtungslager Auschwitz als Kind vermutlich nur deshalb überlebte, weil die Gaskammer an dem Tag nicht funktionierte, an dem sie ermordet werden sollte, sagte, sie wolle vor allem für die von den Nazis ermordeten Kinder sprechen. Sie spreche aber nicht für die Vergangenheit, sondern für die Zukunft, sagte sie am Montag bei einem Pressegespräch in Berlin. Der Antisemitismus nehme zu, auch in ihrer heutigen Heimat USA. Man dürfe nicht mehr nur „sitzen und sprechen“, sondern müsse dem aktiv etwas entgegensetzen, fordert sie.
Schockiert über zunehmenden Antisemitismus
Ihre deutlichste Botschaft lautet: „Juden dürfen sich nicht verstecken.“ Sie sei schockiert gewesen, als ihr anderer Enkel - Arons Zwillingsbruder - vor dem Hintergrund der aufgeladenen Stimmung wegen des Nahost-Konflikts die Frage gestellt habe, ob er den Davidstern noch offen an der Universität tragen sollte.
Dass sie sich nicht verstecken will, sagt Friedman auch gefragt danach, wie sie darauf blicke, im Bundestag vor Abgeordneten der AfD zu sprechen. „Ich möchte sie konfrontieren, anstatt mich vor ihnen zu verstecken“, sagt sie.
In Begleitung des Enkels in Deutschland
Ihr Enkel, der ihr in ihren Worten „die Sprache für TikTok beigebracht hat“, und ihre Tochter begleiten Friedman bei ihrem inzwischen dritten Besuch in Deutschland seit ihrer Auswanderung in die USA vor vielen Jahrzehnten. Aron Goodman erzählt, was für ihn neben dem erstarkenden Antisemitismus Anlass für den TikTok-Kanal war. Er habe an seiner Highschool bemerkt, wie wenig seine Mitschüler über den Holocaust gewusst hätten.
Daraus sei der Impuls entstanden, eine globale Zuhörerschaft anzusprechen - zeitgemäß in der Sprache der Jugend. „Meine Generation lernt von Social Media“, sagt er. Und er kennt auch die Schattenseite der Netzwerke: den Antisemitismus und die Holocaust-Leugnung, die sich dort ausbreiten. Deshalb müsse man die Menschen erreichen, bevor sie die „Fake News“ erreichen, sagt der 20-Jährige, der inzwischen Politik und Wirtschaft studiert.


