Berlin, Freiburg (epd). Seit knapp einem Monat gibt es Proteste im Iran, die blutig niedergeschlagen werden. Der Politologe und Islamwissenschaftler Ralph Ghadban erklärt dem Evangelischen Pressedienst (epd), wer im Iran tatsächlich das Sagen hat, und was es braucht, damit sich dort etwas ändert.
epd: Tausende Iraner gehen seit Ende Dezember gegen das Regime auf die Straße und riskieren dabei ihr Leben: Wie schätzen Sie die Situation ein: Haben diese eine Chance?
Ralph Ghadban: Es sieht so aus, als ob die Demonstranten keine Chance gegen das Regime haben. Das Regime hat den Aufstand brutal unterdrückt. Eine entscheidende Rolle in der Niederschlagung der Proteste spielt dabei die Islamische Revolutionsgarde, vor allem durch die Massenorganisation der Basidsch, einer Miliz von Freiwilligen. Diese umfasst bis zu zwölf Millionen Menschen.
Die Revolutionsgarde zur Verteidigung der Islamischen Revolution
epd: Wer ist die Revolutionsgarde genau, und warum sind die Revolutionsgardisten die wahren Herrscher und nicht die Mullahs, wie Sie in Ihrem neuen Buch „Das Netz der Mullahs. Der Iran und der politische Islam der Schiiten“ (Herder-Verlag, Freiburg) schreiben?
Ghadban: Als es 1979 zur Islamischen Revolution kam und die Kleriker unter Ajatollah Khomeini an die Macht kamen, haben sie es versäumt, mit der Bevölkerung, die ganz auf ihrer Seite stand, eine Gesellschaft und einen Staat aufzubauen, der auf das Wohl aller abzielt. Stattdessen haben sie sich für die Gewalt entschieden, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Es entstand die Revolutionsgarde als bewaffneter Arm, um die Islamische Revolution zu verteidigen. Immer mit der Begründung der Verteidigung der Revolution konnte die Revolutionsgarde Personen verfolgen, Demonstrationen zerschlagen, Wahlen manipulieren und die Wirtschaft erobern.
Erhalt der Macht wichtiger als Religion
Theologisch hat Ajatollah Khomeini mit seiner Theorie der „Herrschaft des Rechtsgelehrten“ („wilāyat al-faqīh“) den Schiismus als Religion entkernt, indem er mit seiner Fatwa von 1988 die Politik über die Religion stellte. Die ganze Religion trat hinter das Interesse zum Erhalt der Macht zurück. Seitdem wird der Iran von den Revolutionsgarden, einer Militärkaste, regiert, nicht von den Mullahs. Die Mullahs haben „ein Monster herangezüchtet, das sie schließlich gefressen hat“, schreibe ich deshalb in meinem Buch.
epd: Was müsste sich im Iran ändern, dass es ein freiheitliches und demokratisches Land wird?
Ghadban: Es braucht wohl die Zerschlagung dieser Diktatur. Die Geschichte zeigt, dass autoritäre Regime wie Nordkorea, Russland, China oder die Golfstaaten durch Gewalt überleben können. Die letzten Ereignisse im Iran waren eine Folge der Wirtschaftskrise und betrafen erstmals auch Anhänger des Regimes. Zum ersten Mal haben auch die Basarhändler rebelliert - das ist die einzige Hoffnung.


