Münster (epd). Anlässlich des Holocaust-Gedenktags am Dienstag (27. Januar) fordert der Münsteraner Historiker Malte Thießen neue, interaktive Formen der Erinnerungsarbeit. Rituale wie jährliche Kranzniederlegungen an ausgewählten Stätten könnten sich immer mehr zu einem „Gedenken-Leerlauf“ abnutzen, sagte der Chefhistoriker des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), am Freitag in Münster. „Gedenken darf nicht zur Routine werden.“
Gutes Gedenken muss seiner Ansicht nach drei Bedingungen erfüllen. Es sollte im „Nahbereich“ stattfinden, „also vor Ort, betrifft mich“, betonte Thießen. Zudem sollte es divers sein, das heißt, es lasse verschiedene Sichtweisen auf ein historisches Ereignis zu. „Und gutes Gedenken ist partizipativ, lädt mich zum Mitmachen ein, nimmt mich mit und befördert einen gemeinsamen Austausch“, erläuterte er.
Stolpersteine legen Verbrechen direkt vor die Haustür
Als Beispiel nannte der Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte in Münster die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig, der seit 1996 Gedenksteine im Pflaster vor den ehemaligen Wohnungen von NS-Opfern verlegt. „Ich bin nach wie vor ein Fan dieser Stolpersteine: Sie leisten gutes Gedenken, weil sie das monumentale Verbrechen der Mordaktionen in den fernen Konzentrationslagern wieder zu uns holen und uns direkt vor die Haustür legen“, erklärte Thießen.
Mutig finde er auch den Tiktok-Kanal der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. „Die gehen dahin, wo ihr Publikum ist, die Schülerinnen und Schüler, und haben mit denen Aktionen in den Sozialen Medien gemacht“, sagte der Historiker. Feiertagsreden und Schulausflüge seien dagegen in der Erinnerungsarbeit nicht mehr zeitgemäß. „Gedenken muss heute dahin gehen, wo man es nicht vermutet, sonst bleibt es immer in denselben Kreisen“, betonte Thießen.


